Von Jürgen Schmieder

Millionen Deutsche pokern im Internet um echtes Geld und machen sich strafbar. Die Spieler wissen es nicht - oder es ist ihnen einfach egal.

In dieser Woche gab es wieder eines dieser Pokerspiele, die man aus Filmen kennt: Bei einer Hand zwischen Ziigmund und TheOcean0 ging es um 319.836 US-Dollar, die letzte Karte entschied: Ziigmunds Flush gewann gegen die Straße seines Gegners. Im Film würde der eine nun mit Zigarre im Mund die Chips einsammeln, der andere verzweifeln, das Publikum raunen. Bei diesem Spiel passierte nichts dergleichen. Das liegt daran, dass es in einem Online-Casino stattfand. Man kennt die wirklichen Namen der Spieler nicht, man sieht keine Gesichter. Ja man weiß nicht einmal, woher sie kommen.

Online-Pokern

Online-Pokern: lukrativ, aber auch strafbar. (© Foto: iStock)

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Fest steht nur eins: Spielen sie von Deutschland aus, machen sie sich strafbar. Paragraph 285 des Strafgesetzbuches formuliert deutlich: "Wer sich an einem öffentlichen Glücksspiel beteiligt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu einhundertachtzig Tagessätzen bestraft."

In Zeiten des Internets allerdings verliert der Paragraph an Klarheit - weil sich die Spieler zwar in Deutschland befinden, sich aber bei ausländischen Anbietern einloggen. Es existieren derzeit keine internationalen Abkommen, jedes Land hat seine eigenen Regelungen. Wer an einem Computer in Deutschland bei einem Online-Casino des kanadischen Mohawk-Indianerreservates Kahnawake pokert - dort sind viele angesiedelt - macht sich strafbar. Reist er in ein Land, das Glückspiel erlaubt, bleibt er straffrei, auch wenn er beim gleichen Casino spielt.

Daran ändert auch der Glücksspielstaatsvertrag wenig, der seit Januar in Kraft ist. "Entscheidend ist, wo der Spieler sitzt", sagt Rechtsanwalt Martin Bahr. Er ist auf das Gewinn- und Glücksspielrecht spezialisiert. Das Problem wurde bis vor wenigen Jahren als gering eingestuft, gab es doch zu wenige Menschen, die mit der Zockerei im Internet Geld verdienten. Die Behörden gingen deshalb eher gegen Sportwetten vor.

Doch Pokern boomt weiter. Der weltweite Gewinn von Online-Casinos wird von der Glücksspielunternehmensberatung Global Betting and Gaming Consultants mit mehr als vier Milliarden US-Dollar beziffert, Schätzungen zufolge haben bereits mehr als vier Millionen Deutsche ihr Glück im Netz gesucht und virtuell um echtes Geld gespielt. Es gibt Online-Spieler, die zu Millionären werden - aber auch Millionäre, die online ihr Vermögen verzocken. Machen sie sich strafbar? Ja.

"In der Praxis wird dieser Zustand dadurch ausgeglichen, dass Verurteilungen wegen der bloßen Teilnahme an Online-Casinos so gut wie kaum vorkommen", sagt Bahr. Sollte es dennoch zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen kommen, würden die Verfahren oft wegen der Geringe der Schuld eingestellt.

Derzeit müssen Online-Pokerspieler noch nicht einmal die Gewinne versteuern, da Pokern als Glücksspiel definiert wird und die Einkünfte daraus nicht besteuerbar sind. Das wären sie erst, würde Pokern als Geschicklichkeitsspiel anerkannt oder wenn ein Spieler mit Gewinnerzielungsabsicht seinen Lebensunterhalt damit verdient.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, dem Tohuwabohu Einhalt zu gebieten: Man verfolgt die Teilnehmer und bestraft vier Millionen Deutsche. Bahr hat einen anderen Vorschlag: "Ich bin für eine Liberalisierung und die Freigabe unter staatlicher Kontrolle mit einer Art Lizenzvergabe wie bei den Sportwetten." Nur so sei der Online-Pokerboom zu regeln. Bis dahin bleibt es eine Straftat. Die Spieler stört das wenig, in einem Internetforum schreibt einer: "Ich habe gerade 15.000 Euro gewonnen - steuerfrei. Legal, illegal, mir egal!"

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(sueddeutsche.de/cag)