Notfalleinsätze Jede Minute zählt

Wenn er ausrückt, geht es um Sekunden: Maximal 8 Minuten soll ein Rettungswagen bis zu seinem Ziel benötigen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

In Hamburg tobt ein Konkurrenzkampf zwischen Rettungsdiensten. Offenbar liegt es auch daran, dass Krankenwagen oft zu spät kommen. Leidtragend sind die Menschen, die Hilfe brauchen.

Von Christina Berndt, Svea Eckert und Thomas Eckert

Die Not ist fast immer groß, wenn ein Mensch einen Rettungswagen ruft. Doch diesmal ging es um Leben und Tod. Kaum noch Luft bekam die Frau, die am 1. Juni 2017 morgens um 5:06 Uhr die Notrufnummer des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Hamburg wählte. Ein Asthmaanfall drückte ihr die Atemwege zu. Sofort fuhren Jana Andersen und ihr Kollege mit ihrem Rettungswagen los. Aber die Hilfe, so sehr die Patientin sie auch herbeisehnte, war nicht erwünscht. Die Sanitäter waren fast bei der Frau, da wurden sie von der Rettungsleitstelle der Feuerwehr gestoppt. Sie sollten das Blaulicht ausschalten und den Einsatz abbrechen, erfuhren sie über Funk. Ein Rettungswagen der Feuerwehr übernehme den Fall.

600 Meter nur trennten Jana Andersen und ihren Kollegen zu diesem Zeitpunkt noch von der Frau, die in Niendorf Todesangst hatte und der jede Minute, die verstrich, endlos erschien. Der Einsatzwagen der Feuerwehr war viel weiter entfernt als die Notfallsanitäter vom ASB. Und trotzdem wurden sie zurückgepfiffen?

Jana Andersen ringt heute noch um Fassung, wenn sie davon erzählt. Helfen zu wollen und es nicht zu dürfen - diese Entscheidung der Feuerwehr-Leitstelle werde sie nie vergessen. Die 25-Jährige sagt: "Es tut einem in der Seele weh."

Andersen fuhr mit ihren Kollegen dann trotzdem zu der Patientin. Um 5:16 Uhr waren sie bei ihr. Fünf Minuten vergingen, bis endlich auch die Feuerwehr eintraf. Das ergibt sich aus internen Dokumenten der Hilfsorganisationen, die NDR und SZ vorliegen. "Die Feuerwehr nimmt in Kauf, dass Patienten länger auf Hilfe warten müssen als nötig", sagt Andersen.

Rettungswagen kommen oft unerträglich spät zu den Menschen, die sie in ihrer Not rufen. In elf von 16 Bundesländern werden die sogenannten Hilfsfristen nicht erfüllt, die in den Notfallgesetzen festgelegt sind und von Land zu Land variieren. In Berlin schafft es nur jeder dritte Wagen in den vorgesehenen acht Minuten. Auch in Brandenburg und Düsseldorf leiden viele Patienten länger als vorgesehen. Besser ist es in Bayern. Aber auch dort brauchte zuletzt in manchen Landkreisen mehr als jeder fünfte Wagen länger als zwölf Minuten Fahrzeit, eigentlich das Maximum.

Grund dafür sind oft Geldmangel, verstopfte Straßen und längere Wege zu den immer weniger werdenden Krankenhäusern. Die Menschen rufen auch häufiger den Notarzt als früher, die Hemmschwelle ist gerade in Großstädten gesunken, wo kaum noch ein Arzt Hausbesuche macht. In Bayern ist die Zahl der Notrufe seit 2006 um 50 Prozent gestiegen - alleine mit einer alternden Bevölkerung lässt sich das nicht mehr erklären.

Die Probleme in Hamburg aber sind besonders: Hier trägt offenbar der Konkurrenzkampf zwischen Feuerwehr und Hilfsorganisationen dazu bei, dass die Frist von acht Minuten immer seltener erreicht wird, zuletzt nur noch in zwei Dritteln der Fälle. Der ASB und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) werfen der Feuerwehr offen vor, auf Kosten der Kranken zu agieren. "Die Feuerwehr nutzt nicht alle Ressourcen, um die beste und schnellste Rettung zu ermöglichen", sagt Michael Sander, der Geschäftsführer des ASB. Wolfgang Friedrich, Ambulanzleiter des DRK, formuliert es schärfer. "Die Feuerwehr setzt vorrangig ihre eigenen Fahrzeuge ein, bevor sie sich bei uns meldet, auch wenn das Minuten länger dauert."

Dabei zähle oft jede Minute, sagt Stefan Oppermann. Der gelernte Notarzt war früher Ärztlicher Leiter des Rettungsdiensts bei der Feuerwehr Hamburg und ist heute Professor für Präklinisches Rettungswesen an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. "Die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Notfallpatienten mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand sinkt um zehn Prozentpunkte pro Minute", sagt er. "Das heißt, wenn ein Rettungswagen erst nach zehn Minuten kommt und zwischenzeitlich keine Wiederbelebungsmaßnahmen ergriffen wurden, dann hat dieser Mensch keine Überlebenschance mehr."

Lebensgefahr, weil sich die Rettungsdienste zanken? Die Feuerwehr weist den Vorwurf von sich. Sie führt in Hamburg die Rettungsleitstelle, das hat die Stadt festgelegt. Hier gehen alle Notrufe über die 112 ein. Es gibt noch andere Telefonnummern, die direkt zu den Hilfsorganisationen führen, doch diese müssen die Einsätze an die Feuerwehr melden. Und die entscheidet dann, welcher Wagen fährt. Dabei würden alle Wagen von Computern nach ausgeklügelten Regeln eingesetzt, sagt Werner Nölken, der Sprecher der Feuerwehr Hamburg, auf NDR-Anfrage. "Der Einsatzleitrechner entscheidet das ganz alleine, das entscheidet kein Mensch mehr."

Jana Andersen, 25, Sanitäterin beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Hamburg

"Die Feuerwehr nimmt in Kauf, dass Patienten länger auf Hilfe warten müssen."

Wenn, so wie Anfang Juni in Niendorf, Wagen gestoppt werden, dann liege das auch daran, dass die Hilfsorganisationen nur in engen Reviergrenzen und in Ausnahmefällen arbeiten dürften; die Wagen hätten also gar nicht losgeschickt werden dürfen. "Wir halten uns an Recht und Gesetz", sagt Nölken. Und das Patientenwohl? "Das steht ganz oben an."

Im Rettungsdienst geht es um Menschen in Not. Aber es geht auch um Geld. Mit rund 400 Euro vergüten die Krankenkassen eine Fahrt mit dem Rettungswagen - aber nur, wenn am Ende ein Patient befördert wird. Mehr als 68 Millionen Euro kamen 2015 so in Hamburg zusammen. Müssen also Menschen wegen der 400 Euro länger warten?

Der Streit schwelt schon länger, aber nun ist er eskaliert. Mitarbeiter der Hilfsorganisationen haben interne Listen geführt und Gespräche mit der Feuerwehr-Leitstelle protokolliert, die NDR und SZ vorliegen. Demnach ist den Feuerwehrleuten in der Leitstelle offenbar bewusst, dass Fahrzeuge des ASB auch schneller beim Patienten sein könnten. Am Telefon reden sie Klartext: "Wir sollen ja immer sagen, dass wir schneller sind." Oder: "Wir gucken, welcher den Einsatz bekommt." Die Feuerwehr will das nicht kommentieren.

Für die Hilfsorganisationen aber ist die Lesart klar: "Wir erleben es ja täglich mehrfach, dass ein Feuerwehr-Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn an unserem Wagen vorbeifährt", sagt DRK-Geschäftsführer Friedrich. In den Dokumenten finden sich auch zahlreiche Einsätze wie der von Niendorf, wo die Feuerwehr erst nach den Hilfsorganisationen am Einsatzort eintrifft. Manchmal ist es nur eine Minute, manchmal sind es auch zehn. Müsste die Politik da nicht einschreiten? "Das alles ist Sache der Feuerwehr", heißt es aus der Innenbehörde der Stadt, in der Kranke zum Streitobjekt geworden sind. Jana Andersen kann es nicht fassen. "Wir wissen, dass da jemand leidet", sagt sie, "und wir wollen doch helfen."