Nordrhein-Westfalen Augenzeugen des Schreckens

  • Marcel H. hat offenbar am Montagabend einen neunjährigen Jungen getötet, er ist noch immer auf der Flucht.
  • H. soll Bildmaterial von der Tat, auf dem er in angeberischen Posen zu sehen sein soll, im Darknet hochgeladen haben.
  • Ein Nutzer hatte am Montag die Polizei alarmiert. Derzeit prüfen die Ermittler auch Hinweise auf ein weiteres Opfer.
Von Tim Niendorf, Herne, und Michael Neudecker

Die Polizei in Bochum veröffentlichte am Dienstagmorgen ein Foto, es zeigt einen schmächtigen jungen Mann mit Brille und kurz geschorenen Haaren, er trägt ein dunkles T-Shirt. Der junge Mann ist der 19-jährige Marcel H., das Foto ein Fahndungsfoto: Marcel H. hat offenbar am Montagabend einen neunjährigen Jungen getötet. Während er - ein 1,75 Meter großer junger Mann, bekleidet mit einer Tarnweste und Tarnhose - noch am Dienstagabend auf der Flucht war, gesucht von einem Großaufgebot in Nordrhein-Westfalen, prüfte die Polizei, ob er eine weitere Tat begangen haben könnte. In einem Internet-Chat habe es entsprechende Hinweise gegeben, teilte die Polizei mit.

Dass Marcel H. die erste Tat mutmaßlich begangen hat, das weiß man deshalb, weil er sie dokumentiert hat. Bilder, auf denen er in angeberischen Posen zu sehen sein soll, hat er im Darknet hochgeladen, jenem abgeschirmten Teil des Internets, der nur mit speziellem Browser erreichbar ist. Wie Bild am Abend mit Verweis auf die Polizei berichtete, handele es sich bei dem im Darknet aufgetauchten Material nicht um einen Film, wie es zunächst hieß, sondern um Bilder. Als sei das nicht schon schlimm genug, sind dann auch noch Bilder im frei zugänglichen Teil des Internets aufgetaucht.

Verschiedene Medien wie die Bild veröffentlichten am Dienstag online eines davon, darauf ist zu sehen, wie er den Kopf zur Seite lehnt und in die Kamera grinst. Im Hintergrund war zunächst unscharf der Leichnam zu erkennen, erst am Nachmittag machte Bild diese Stelle unkenntlich.

Auf weiteren Fotos soll Marcel H. mit blutverschmierten Händen neben der Leiche des Jungen zu sehen sein. Man könne nur hoffen, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger, dass sich dieses Bildmaterial "nicht weiterverbreiten wird". Das alles mache "auch die Ermittler fassungslos", sagte Jäger. Er könne sich an keinen Fall erinnern, bei dem der Täter den Mord aufnehme und veröffentliche.

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Am Montagabend gegen 20.30 Uhr waren Einsatzkräfte in weißen Anzügen im Herner Stadtteil Wanne in ein Reihenhaus nahe dem Rhein-Herne-Kanal gegangen, dort bargen sie kurz darauf aus dem Keller den Leichnam eines Neunjährigen. Getötet wurde der Junge durch Messerstiche, vermutlich vor 19 Uhr. Marcel H., der Tatverdächtige, war da schon verschwunden.

Ein seltsamer Außenseiter, der gerne Militärklamotten trug

Herne kannte man bislang, wenn überhaupt, dann von der Cranger Kirmes, einem Volksfest im August, das regelmäßig mehr als vier Millionen anzieht. Nun aber schrieben am Dienstag praktisch alle Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Nachrichtenseiten über die 150 000-Einwohner-Stadt im Ruhrgebiet; über die Arbeitersiedlung, in der viele Familien wohnen und tagsüber Kinder spielen auf dem Spielplatz nahe dem Reihenhaus.

Marcel H. wohnte hier gleich neben dem getöteten Jungen und dessen Familie. Er sei kaum aufgefallen, ein etwas seltsamer Außenseiter, der gerne Armeebekleidung trug, so beschrieben Gleichaltrige aus dem Viertel Marcel H. der Deutschen Presse-Agentur, die zudem eine Schülerin zitiert, auf deren Schule H. bis vor einigen Jahren ging: H. sei gemobbt worden.

Ein Nutzer hatte am Montag das Bildmaterial, in dem sich H. mit der schlimmen Tat brüstet, gesehen und die Polizei alarmiert, so berichtete ein Polizeisprecher am Dienstagmorgen. Der Nutzer habe Marcel H. zwar gekannt und der Polizei auch dessen Wohnort nennen können. Er komme allerdings nicht aus der gleichen Stadt.

Marcel H., so heißt es, soll wenige soziale Kontakte gepflegt haben und der Polizei bislang nicht bekannt gewesen sein. Trotz seiner schmächtigen Figur sei er Kampfsportler, welche Sportart genau er betreibt und ob er die Tatwaffe noch bei sich führte, dazu machte die Polizei keine Angaben. Allerdings warnten die Beamten davor, dass Marcel H. womöglich bewaffnet und gefährlich sein könnte.

Der gewaltsame Tod des Neunjährigen hat in Herne große Betroffenheit ausgelöst. "Wir sind fassungslos und schockiert, wir trauern mit den Angehörigen", ließ sich Oberbürgermeister Frank Dudda (SPD) zitieren. Grundschüler blieben am Dienstag während der Pausen in den Schulgebäuden, aus Sorge, sie könnten von Reportern umlagert werden. Seelsorger und Psychologen waren in der Schule des Getöteten, um Mitschülern Beistand zu leisten, wie ein Sprecher berichtete. Auch bei der Familie des toten Kindes waren Psychologen.

Der Sprecher der Polizei Bochum, Volker Schütte, sagte am Dienstag am Telefon, der Tatverdächtige sei arbeitslos und habe nach seiner Schulzeit, die vor Kurzem zu Ende ging, keine Ausbildung begonnen. Während eines Chatverlaufs im Darknet habe H. davon gesprochen, einen "Selbstmord" geplant zu haben. Normalerweise, sagte Schütte, kommentiere er solche Fälle nicht. In diesem Fall aber komme er nicht umhin zu sagen, dass er die Tat für "sehr verwerflich" halte.

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