Nordfriesland Biike und die Geister

Seit Jahrhunderten entzünden die Nordfriesen am 21. Februar große Feuer. Früher sollten die Flammen Dämonen vertreiben. Heute ziehen sie Champagner süffelnde Touristen und andere Schreckgestalten an.

Von Thomas Hahn, Westerland

Halb sechs ist es geworden an diesem trüben Sonntag auf Sylt, und vor der Kirche St. Nicolai in Westerland setzt sich die Prozession zum Biikebrennen in Bewegung. Der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Hohenwestedt spielt einen beschwingten Marsch, der zum grauen Himmel passt wie Himbeereis zu Grünkohlsuppe. Ein paar hundert Leute begleiten die Musikanten über die Friedrichstraße und dann Richtung Süden. Manche tragen Fackeln, andere Regenschirme.

Beim Sportplatz greift Bürgermeister Nikolas Häckel zum Telefon: Man sei gleich da. Und einen Kilometer weiter, am großen Biike-Haufen aus Buschwerk und alten Weihnachtsbäumen, machen sich die Jugendlichen von Westerlands Schulzentrum bereit. "Tjen di Biiki ön!" Das ist das Kommando der Friesen zum Anzünden. Die Schüler lassen ihre Fackeln ins Holz sinken, und weil die Feuerwehr den Haufen mit Heu und 40 Liter Diesel präpariert hat, wächst das Feuer schnell. Als die Prozession den Festplatz erreicht, schlagen die Flammen hoch. Das Biikefeuer brennt. So wie es nordfriesischer Brauch ist am 21. Februar, dem Abend vor Petri Stuhlfeier.

Ganz stilecht ist der Ablauf beim diesjährigen Biikebrennen in Westerland nicht gewesen. Das Anzünden ist ein erhebender Moment, den man den Besuchern dieses jahrhundertealten Volksfestes normalerweise nicht vorenthalten will. Aber erstens ging es wegen des Windes nicht anders; der wehte nämlich vom Meer her und hätte die Musikanten in dunklen Rauch hüllen können, wenn man sie auf Verdacht am Haufen platziert hätte. Zweitens muss ein Brauchtum heutzutage flexibel sein - gerade die Sylter Biike-Freunde wissen das.

Im Mittelalter wollten die Nordfriesen mit dem Biikebrennen angeblich böse Geister vertreiben. Später soll es der Abschiedsgruß für örtliche Seefahrer gewesen sein, ehe die Tradition einschlief und der Keitumer Lehrer C. P. Hansen sie im 19. Jahrhundert wiederbelebte. Ein Höhepunkt der lokalen Folklore wurde die Biike danach und prägte viele Insel-Generationen. Die erste Zigarette, der erste Schuss Rum, der erste Exzess - das brachte einst die Biike. Außerdem war es ein Sport, den Haufen des Nachbardorfs vor dem Fest anzuzünden, weshalb die Biike-Wache zum Ritual gehörte.

Kaum einer singt die traditionellen Lieder mit. Dabei ist das hier Kulturerbe

Und heute? 66 Biiken gibt es auf den Inseln, Halligen und dem Festland Nordfrieslands, da sind die traditionellen Elemente mal mehr, mal weniger verwässert. Aber längst erkennen Einheimische einen Werte-Verfall. Das Biikebrennen ist eine Touristenattraktion geworden, und Touristen haben nicht das Wissen und oft auch nicht das Gespür dafür, was man beim Feuer tut und was man lässt. Susanne Zingel, seit 2005 Pastorin in Keitum, Zugereiste aus Hamburg, hat mal einen Gast mit Champagner-Glas beim Biikebrennen erlebt. "Das geht gar nicht", sagt sie, "vor allem: Der will dann ja auch noch Small Talk machen, so nach dem Motto: Sie auch hier?" Nordfriesen mögen keinen Smalltalk. Zur Biike gehören politische Reden auf Deutsch und Friesisch sowie friesische Lieder; auf Sylt vor allem die Hymne "Üüs Söl'ring Lön" (Unser Sylter Land). Aber die Fremden kennen die Texte nicht. Sie singen nicht mit, sie quatschen sogar während der Reden.

"Es wird immer weniger", sagt Susanne Zingel über das Singen an der Biike. In ihrer Predigt hat sie vorhin noch zum Biikebrennen gesagt: "Es wird immer mehr." Aber das ist kein Widerspruch. Weil mehr Touristen kommen, kommen mehr, die nicht mitsingen, und so wird das Ritual schwächer. "Schon schade", findet Ursula Lunk-Lorek, Mitglied im Ortsbeirat, bei der Westerländer Biike die Friesisch-Rednerin. Andererseits mag sie nicht klagen: "Wir leben von den Gästen." Die Biike-Laien bringen Geld auf die Insel.

Andere halten noch weniger von kulturpessimistischen Betrachtungen. Hartmut Schiller zum Beispiel, Leiter der Akademie am Meer Klappholttal. "Alles Krokodilstränen", sagt er, der Wandel ist für ihn ein normales Zeitphänomen. Und Ilse Johanna Christiansen, 62, sieht die Beliebtheit des Biikebrennens erst recht nicht als Problem. Im Gegenteil.

Am Samstag vor Biike saust sie durch den Zug nach Westerland und verteilt Flyer zum Fest. Christiansen ist Vorsitzende des Vereins Friesenrat Sektion Nord. Sie spricht zwei friesische Dialekte, Morja und Ferring, dazu Niederdeutsch sowie Dänisch, womit sie im Grunde sämtliche Sprachen des norddeutschen Raums abdeckt. Sie ist so etwas wie eine regionale Weltfrau und eine Kämpferin für die Kultur der Friesen, die Aufmerksamkeit gebrauchen kann. 50 000 Nordfriesen leben in Schleswig-Holstein, nur 15 000 davon können noch Friesisch. "Die anderen haben ihre Sprache verloren", sagt Christiansen - weil Friesisch erst seit wenigen Jahren wieder in der Schule eine Rolle spielt.

Das Biikebrennen ist für sie beste PR, deshalb ist sie gerne die Kooperation mit der Nord-Ostsee-Bahn eingegangen, die das Biikebrennen ihrerseits als Konjunkturfaktor entdeckt hat. Deshalb berichtet sie mit Elan, dass die Kultusministerkonferenz das Biikebrennen im Dezember 2014 zum immateriellen Kulturerbe erklärte; wie den Rheinischen Karneval oder die Deutsche Brotkultur. Und die Gefahr, dass Banausen den Brauch zum reinen Event herabwürdigen? "Es ist sinnvoll, dass diese Tradition ausgeweitet wird und andere daran verdienen", sagt Ilse Johanna Christiansen, "nur: Es muss diese Balance geben."

Gibt es die noch zwischen bodenständigem Friesenwesen und Touristen-Bespaßung? Am Westerländer Biikehaufen singt kaum einer mit bei "Üüs Söl'ring Lön". Manche feixen, als der Musikzug die Melodie anstimmt. Ob sie den Klang der friesischen Rede wahrnehmen? Eher holen sie sich Gratis-Punsch beim Roten Kreuz.

Aber Bürgermeister Häckel hält eine kluge Rede über Heimat und Verantwortung. "Unser größtes Problem ist die Ausbeutung der Insel durch Spekulanten, die um jeden Preis alles aufkaufen", sagt er. Und in den Dünen schlägt das Feuer Funken. Im warmen Schein der Flammen stehen die Leute. Sie schauen nun doch still dabei zu, wie das Inferno die alten Weihnachtsbäume verzehrt, wie es ab und zu fauchend auflebt, dann wieder seine knisternde Ruhe findet. Das Feuer zieht Blicke und Gedanken auf sich. Und irgendwann ist es ganz egal, ob da lauter Friesen stehen oder Zugereiste mit Champagner. Das Biikefeuer brennt. Der Winter ist zu Ende.