New York Guter Bulle, böser Bulle

Erst in den Neunzigern konnte dem New York Police Department Korruption nachgewiesen werden.

(Foto: AFP)

Für New Yorker Polizisten bedeuten Festnahmen kurz vor Feierabend vor allem eins: bezahlte Überstunden. Grund genug für kriminelle Beamte, um Unschuldige zu verhaften.

Von Claus Hulverscheidt

Das Schichtende war bereits in Sicht an jenem Freitagnachmittag, doch der Zivilfahnder Hugo H. und seine Kollegen dachten gar nicht daran, ihren Beobachterposten vor einem kleinen New Yorker Lebensmittelgeschäft aufzugeben. Ihr Instinkt, so besagen es zumindest die Polizeiakten, sollte sich als richtig erweisen. Sie marschierten in den Laden, nahmen den Kassierer fest und schnappten einen zweiten Mann, der vor dem Mini-Markt gestanden hatte. Der Vorwurf: Drogenhandel.

Seit Dienstag stehen die Männer nun in Brooklyn vor Gericht - allerdings nicht der vermeintliche Dealer und sein Kunde, sondern H. und seine Kollegen. Sie sollen die Festnahme nur deshalb initiiert haben, um Überstunden zu schinden. Die Praxis ist in der New Yorker Polizei angeblich seit Jahrzehnten so verbreitet, dass es sogar einen Begriff dafür gibt: "collars for dollars" - was frei übersetzt so viel heißt wie "Einbuchten für den Zuverdienst".

Der Ausdruck stammt aus den Neunzigern, als ein Sonderausschuss der Stadt zahlreiche Korruptionspraktiken beim berühmten New York Police Department (NYPD) aufdeckte. Darunter: Drogenhandel, Einschüchterung von Minderheiten, Diebstahl von beschlagnahmtem Geld, Beweismittelvernichtung, Falschaussagen und Überstundenbetrug. Gut 20 Jahre und einige Reformen später hat sich der Ruf des NYPD deutlich verbessert. Die Sache mit den Überstunden aber ist wohl immer noch nicht gelöst. Im Gegenteil: Das Problem reicht so tief, dass ein Bundesrichter jüngst eine erneute umfassende Untersuchung des gesamten Apparats für den Fall ankündigte, dass H. und seine Kollegen schuldig gesprochen werden.

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Dabei scheinen die Ordnungshüter die Mogelei gar nicht nötig zu haben: Ihr Brutto-Einstiegsgehalt beträgt 42 500 Dollar, läuft alles glatt, liegt es gut fünf Jahre später schon doppelt so hoch. Das klingt üppig - und reicht doch in einer Stadt wie New York gerade so, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Allein die Jahresmiete für ein kleines Familienapartment schlägt im Schnitt mit 40 000 Dollar zu Buche, die teuersten Gegenden Manhattans nicht mit eingerechnet.

Manche Beamte sollen deshalb im Laufe der Jahre immer ausgeklügeltere Techniken entwickelt haben, um Überstunden abrechnen zu können. Überflüssige Festnahmen kurz vor Dienstschluss sind eine, das Hinzuziehen weiterer Polizisten unmittelbar vor Verhaftungen ist eine andere. Die Kollegen sichern dann Beweismittel, befragen Zeugen und schreiben Berichte - und arbeiten ebenfalls länger. Gerichtstermine werden untereinander so verteilt, dass jemand sie wahrnimmt, der an dem Tag eigentlich frei hat. Auch das bringt eine hübsche Stange Geld ein.

Im Fall des Mini-Markt-Kassierers machten H. und seine Kollegen nach Recherchen der New York Times gut 20 Überstunden im Gesamtwert von 1400 Dollar geltend. Die Zivilfahnder bestreiten bis heute, dass die Festnahmen fingiert waren, zumal beim angeblichen Drogenkäufer tatsächlich eine Plastiktüte mit Spuren von Kokain gefunden wurde. Ein Gericht jedoch hielt die Beweismittel, mit denen die Beamten das Drogengeschäft belegen wollten, für völlig unzulänglich: Wenige Monate nach dem Fall wurden sämtliche Vorwürfe gegen den Kassierer fallengelassen.

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