Neuer Prozess gegen Vater des Winnenden-Attentäters "Alles auf null"

Doch K. wollte die Bewährungsstrafe nicht akzeptieren. Beobachter mutmaßen, seine Anwälte wollen unbedingt vermeiden, mit einem Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung in die anstehenden Zivilprozesse zu gehen. Dann wird um Schadensersatz und Schmerzensgeld gestritten. Vor dem Bundesgerichtshof (BGH) hat K. die Neuauflage des Verfahrens erzwungen.

Der BGH hat einen eklatanten Rechtsfehler darin erkannt, dass die Verteidigung ausgerechnet jene Zeugin nicht befragen konnte, die den Angeklagten schwer belastet hatte: eine Therapeutin, die die Familie des Amokläufers nach der Tat betreute. Erst sagte sie aus, Jörg K. habe von den Tötungsfantasien seines Sohnes gewusst. Später widerrief sie die Aussage - und dann den Widerruf. Schließlich machte sie von einem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, das ihr nach Dafürhalten des BGH gar nicht zugestanden hätte.

Niedrige Hürden für einen erneuten Schuldspruch

Jetzt beginne also "alles auf null", sagt Richter Ulrich Polachowski. "Dieses Verfahren wird Wunden aufreißen." Das Urteil gegen K., erklärt er, dürfe dabei aus formalen Gründen nicht höher ausfallen als beim ersten Mal. Dass es ganz anders ausfallen könnte, gilt vielen Rechtsexperten indes als unwahrscheinlich: Der BGH wollte die Hürden für einen erneuten Schuldspruch offenbar niedrig setzen - darauf deutet ein Hinweis am Ende der Entscheidung von Mai.

Eine "präzise Kenntnis des Angeklagten über das Maß der psychischen Erkrankung" Tims sei nicht unbedingt erforderlich, um "den Vorwurf der Fahrlässigkeit zu begründen", heißt es da. Dafür reiche schon die unzulängliche Sicherung von Waffen und Munition.

Auf diese Fragen soll sich das neue Verfahren konzentrieren, allen Beteiligten bleibt damit zumindest eine neue Beweisaufnahme zum Amoklauf selbst erspart. Jörg K. lässt seine Anwälte am Mittwoch mitteilen, dass er vor Gericht wieder keine Angaben zur Sache machen wolle; nach der Tat habe er ja ausführlich mit den Ermittlern gesprochen.

Kurz darauf steht die Schwester eines Opfers auf und sagt: "Überlegen Sie es sich, zeigen Sie ein bisschen Menschlichkeit. Das würde uns sehr helfen." Und Richter Polachowski sagt, er habe da eine Befürchtung, egal welches Urteil er am Ende sprechen werde: "Dann wird es wohl auch nicht vorbei sein."