Die Affäre um italienische Politiker und transsexuelle Prostituierte weitet sich aus - nun ist die Hauptperson tot.
Die neuesten spannenden Zutaten dieses Krimis sind ein Laptop, den die Polizei durchnässt aus einem Waschbecken gezogen hat, und zwei verschwundene Handys. Wenn sich die Daten rekonstruieren und die letzten Telefonate identifizieren lassen, dann, so hofft die Polizei, hat sie vielleicht endlich den Schlüssel zu diesem verworrenen Fall, der in Italien Spekulationen beflügelt und Zeitungsseiten füllt. Die Einzelheiten könnte sich kein Krimiautor besser ausdenken: Drogen, Politik, zwielichtige Polizisten, viele Gerüchte, eine bizarre Szenerie von käuflichem Sex - und seit Ende vergangener Woche auch noch ein mutmaßlicher Mord.
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Im Zentrum des Sexskandals: der Regionalpräsident von Latium (Lazio), Piero Marrazzo. (© Foto: Reuters)
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Polizisten sollen Politiker erpresst haben
Angefangen hat alles vor vier Wochen, als in Rom vier Carabinieri festgenommen wurden, weil sie den Regionspräsidenten von Lazio, Piero Marrazzo, mit einem Sexvideo erpresst haben sollen. Es ging nicht um eine der üblichen Affären. Regionspräsident Marrazzo - das Amt entspricht ungefähr dem eines deutschen Ministerpräsidenten - verkehrte seit Jahren mit transsexuellen Prostituierten. Das war natürlich spektakulär. Die Medien stürzten sich auf die Transsexuellen-Szene im Norden Roms, und jeder noch so biedere italienische Haushalt konnte tiefe Einblicke bekommen in eine für die meisten ungeahnte Halbwelt.
Sie wird bevölkert von Wesen zwischen den Geschlechtern. Viele von ihnen kommen aus Brasilien, sie haben sich operativ bedeutende Oberweiten zugelegt, schminken und kleiden sich wie Frauen, geben sich Namen wie Brenda und Natalie. Doch unterhalb der Gürtellinie sind die meisten von ihnen noch Männer. Psychologen beschäftigten sich nach Aufkommen der Affäre in langen Artikeln mit der Frage, was für die Klientel den Reiz dieser äußerlichen Zwitter - die sich als Frauen fühlen - ausmachte.
Sex, Kokain und viel Geld
Und transsexuelle Prostituierte erzählten Reportern, sie hätten jede Menge prominente Klienten, aus Politik, Sport, Wirtschaft und Showbusiness. Es wurde bekannt, dass Kunden für diese Begegnungen Tausende Euro bezahlen, und das staunende Publikum fragte sich, welche Dienste wohl so wertvoll seien. Ein erheblicher Teil des Geldes, so viel ist klar, wird für Kokain benötigt, das in dem Milieu in sehr hoher Konzentration konsumiert wird und Kunden wie Profis offenbar als unentbehrliche Stimulanz gilt.
Die Wohnung, in der die Polizei nun den Computer in einem Waschbecken fand sowie die verschwundenen Handys gehörten Brenda, einer 32-jährigen Transsexuellen, die auch Kontakte mit Marrazzo hatte. Brenda ist am Freitag tot in ihrem kleinen Apartment gefunden worden. Sie ist offenbar verbrannt. Auch am Montag war die Todesursache noch unklar. Leere Whiskyflaschen wurden neben der Leiche gefunden, Koffer und Taschen standen gepackt bereit, ersten Ermittlungen zufolge war der Koffer der Brandherd.
Freier mit dem Mobiltelefon gefilmt
Brenda hatte Bekannten erzählt, sie fühle sich bedroht, wolle aus Rom verschwinden. Sie hatte ausgesagt, sie habe diverse Freier mit ihrem Mobiltelefon gefilmt und fotografiert, jedoch das Material nach der Affäre Marrazzo gelöscht. Aus Angst. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Sie hält es für gut möglich, dass die Prostituierte ermordet wurde.
Ein Foto von Brenda ist fast täglich in Zeitungen zu sehen. Es zeigt eine Person mit langen, dunklen Haaren, schmal gezupften Brauen und runden Wangen. Sie trägt große weiße Ohrringe in Form einer Blüte und einen hautengen weißen Rollkragenpulli. Die Lippen sind pink geschminkt, die Augen kajalumrahmt. Doch auch Make-up und Rouge verbergen den dunklen Bartschatten auf dem milchkaffeebraunen Teint nicht ganz.
Brenda, geboren als Willem Mendez Paes im nordbrasilianischen Bundesstaat Amapa, war von einer Randfigur des Falles immer mehr ins Zentrum gerückt. Die Affäre wurde von Tag zu Tag verwirrender. Der Regionspräsident gab diverse Versionen des Hergangs an, musste dann einräumen, dass er nie ernsthaft um mehrere Hunderttausend Euro erpresst wurde, jedoch auch selbst Kokain konsumiert habe.
Prostituierte korrigierten ihre Aussagen, die verhafteten Carabinieri erzählten Ungereimtes. Es kam heraus, dass ein Mittelsmann das Video mit Marrazzo für 250.000 Euro verschiedenen Medien angeboten hatte, unter anderem einer zum Berlusconi-Konzern gehörenden Zeitschrift. Der Mittelsmann, er versorgte die Szene auch mit Drogen, kann dazu nicht mehr befragt werden, denn er ist im September verstorben.
Wer sind die Hintermänner?
Niemand veröffentlichte das Material, doch ist bekannt, dass Italiens Premier Silvio Berlusconi das Filmchen kannte und Marrazzo deshalb anrief. Das nährte Spekulationen, die Affäre sei eine von weit oben eingefädelte politische Intrige. Doch diese Spur scheint bisher nirgendwohin zu führen. Aber die Polizei vermutet, es gebe Aufnahmen von anderen Kunden, die mit Transsexuellen zugange waren - Material für Erpressungen. Hier könnte das Motiv für einen Mord liegen: Jemand weiß oder nimmt an, dass es Bilder von ihm gibt.
Der Mörder wollte Brenda möglicherweise davon abhalten, die Aufnahmen zu verwenden oder er wollte der Szene eine deutliche Warnung geben. Dann müsste es sich um jemanden handeln, der viel zu verlieren hat. Für eine andere transsexuelle Prostituierte, Natalie, die häufiger mit Marrazzo zusammen war und als wichtige Zeugin gilt, hat dessen Anwalt jetzt jedenfalls Personenschutz beantragt. Alles wartet nun darauf, ob der Speicher des Computers aus Brendas Wohnung die Lösung des Geheimnisses enthält. Piero Marrazzo ist unterdessen schon fast eine Nebenfigur geworden. Er hat nach seinem Rücktritt vorläufig Zuflucht im Kloster von Montecassino gesucht.
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(SZ vom 24.11.2009/yas)
Studie von UN-Kinderhilfswerk
Geschichte wiederholt sich zwar, aber nicht auf identische Weise.
Zwischen Kaiser Augustus (Gaius Octavius) und Berlusconi gibt es zwar durchaus Parallelen. Beide arbeiteten eifrig daran, einer vorher schon ins Straucheln geratenen, ehemals aufgeschlossenen Staatsform den Rest zu geben unter dem Vorwand des Gegenteils: Augustus setzte Rechte außer Kraft, um angeblich die (vordemokratische) Republik zu retten, tatsächlich aber endgültig die Dikatatur als Monarchie zu institutionalisieren. Im paradoxen Versuch, unter der Fahne der vorgeblichen "Freiheit" (für seine oligarchische Klientel) tatsächlich die demokratische Verfassung zu demontieren steht Berlusconi durchaus in seiner Nachfolge.
Augustus legitimierte für sich den Ehebruch, um ihn anschließend allgemein unter Strafe zu stellen, als Oberster Priester ein strenges Sittenregiment einzuführen und z.B. Ovid als Dichter freizügiger Liebeslyrik in die Verbannung zu schicken.
Das ist heute differenzierter und arbeitsteiliger: Oberster Priester ist nicht der Möchtegern-Duce Berlusconi sondern der Papst. Verbannung ist nicht nötig: Die katholische Kirche gestattet zwar Sexualverkehr nur zum Kinderkriegen, hat aber kein Problem damit, einem Politiker, der seine davon abweichenden sexuellen Bedürfnisse ausschweifend und halböffentlich auslebt, in einem Kloster eine formal inszenierte Katharsis und ein Refugium vor Verurteilung durch die öffentliche Meinung zu bieten. Ohne dass er seinen leitenden gesellschaftlichen Staus verliert.
Die Bürger sind nach 2000 Jahren allerdings nicht mehr "the same": Weder die selben noch die gleichen: Inzwischen haben u.a. die Nachkommen römischer Beutesklaven, die germanischen Völkerwanderungen, die Normannen, die Kreuzzügler, "teutonische" und internationale Touristen und die wirtschaftliche Globalisierung dort ihre ethnischen und gesellschaftlichen Spuren hinterlassen. Und was das luxoriöse, ausschweifende und Grenzen austestende Sexualleben derer, die es sich leisten können, betrifft, sind die Unterschiede zumindest zwischen den europäischen Staaten offenbar gering, wie "Skandale" aus VW-Wolfsburg, dem britischen Unter- und Oberhaus, aus Belgien, Frankreich, usw. zeigten.
Unterschiede gibt es offenbar nur noch im Grad der bewussten Ummäntelung. Nur eine Frage der Zeit, wann z.B. der erste Skandal aus dem erzkatholischen Polen der Kaczynski-Brüder berichtet werden wird?
War das vor 2000 Jahren da nicht auch schon so. Oder frei nach Obama : "How can you expect different results from the same people"
in Verbindung mit Politik ist natürlich ein massentaugliches Thema. Ebenso wie die Scheidung Berlusconis.
Als es vor zwei Wochen in einem kleinen abruzzesischen Ort erneute Ausschreitungen gegen die Roma-Minderheit gab, war dies nicht würdig, in der deutschen und internationalen Presse Beachtung zu finden...
"...sind in der Politik und speziell in Italien nichts besonderes ( in D allerdings auch nicht). Dass jemand dabei stirbt ist traurig."
"Deswegen", nicht "dabei".
"Der Herr Medienmogul müsste nur mal mit einer Kamera in der Hand durch seine Regierung laufen.DAS gäbe tolle Sendungen für seine Fernsehsender. "
Nein, Bitte nicht. Wir brauchen nicht schon wieder einen "CSI" / "Law & Order" Klon mit Kreuzung zu "Hugh Heffners Playboy Mansion"
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