Interview: Annette Ramelsberger

12.000 Menschen in Deutschland stehen im jüngsten Pädophilie-Fall unter Verdacht. Das Internet sei eine Einstiegsdroge für Pädophile, sagt der Psychiater Werner Platz: "Die Bilder werden immer härter".

Werner Platz ist forensischer Psychiater am Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin, das mit der Sexualambulanz der Charité zusammenarbeitet. Als Spezialist für Online-Süchte therapiert er auch Patienten mit pädophilen Neigungen, die zwanghaft Kinderpornographie im Internet konsumieren.

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Psychiater Werner Platz (© Foto: oh)

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SZ: Herr Platz, 12000 Verdächtige, wird Pädophilie zur Volkskrankheit?

Platz: Nein, Pädophilie war immer da, sie nimmt unseres Erachtens nicht zu, aber sie wird sichtbarer.

SZ: Seit es das Internet gibt, explodiert die Zahl pädophiler Straftaten. Können diese Menschen ihre Neigung dadurch nur besser ausleben oder verstärkt das Medium die Neigung noch?

Platz: Durch das Internet kommen die Betroffenen einfacher an die Bilder heran. Das Internet ist wie eine Einstiegsdroge, die Leute suchen gezielt nach Bildern. Die Hemmschwelle ist gesunken, gleichzeitig suchen aber mehr Menschen Beratung.

SZ: Betrachten diese Menschen nur die Bilder oder wollen sie das Gesehene auch selbst in die Tat umsetzen?

Platz: Die einen befriedigen sich dabei selbst, andere werden inspiriert, loszugehen und sich Opfer zu suchen.

SZ: Wie definieren Sie Pädophilie - als Krankheit? Als Sucht?

Platz: Es ist eine krankhafte Störung der Sexualität, die einen Menschen dauerhaft begleitet, also kein einmaliger Ausrutscher. Ein pädophiler Mensch findet sexuelle Erfüllung nur bei kleinen Kindern oder Kindern, die gerade erst in die Pubertät kommen.

SZ: Gibt es den typischen Pädophilen?

Platz: Es gibt fünf Gruppen von Menschen, die uns als Pädophile aufgefallen sind. Da ist der geistig Behinderte, der leichter Kontakt zu Kindern findet als zu Erwachsenen. Das ist eine nicht unerhebliche Gruppe. Dann gibt es die Alterspädophilie, ausgelöst von einer Altersdemenz. Da lauert dann der Opa auf Kinderspielplätzen den Kindern auf. Es gibt auch den sogenannten guten Onkel, der sich auffällig um Kinder kümmert, sie badet, ihnen Spielzeug schenkt. In diesen Fällen kommt es aber fast nie zu gewalttätigen Übergriffen. Gewalt ist viel verbreiteter bei sozial desintegrierten Personen, oft um die 40, oft alkoholabhängig, die Kinder missbrauchen - wie bei dem Fall im Saarland, wo in einer Kneipe von mehreren Saufkumpanen über Monate hinweg ein Junge missbraucht und dann getötet wurde. Und es gibt noch eine weitere Gruppe: Menschen, die in einer erotisierten pädagogischen Beziehung zu Kindern stehen. So nennen wir das.

SZ: Sie meinen Chorleiter, Lehrer, Geistliche, Trainer, die bei ihrer Arbeit mit Kindern möglicherweise mehr empfinden, als sie sollten. Drängt es solche Menschen auch beruflich in die Nähe von Kindern?

Platz: Diese Menschen haben eine Neigung, die oft verschüttet ist. Durch die ständige Nähe zu den Kindern erliegen sie immer mehr diesem sexuellen Stimulus. Am Ende suchen sie bewusst die Nähe von Kindern.

SZ: Man geht immer vom pädophilen Mann aus. Missbrauchen auch Frauen Kinder?

Platz: Ich hatte in meiner langen beruflichen Praxis noch keinen solchen Fall.

SZ: Wenn Sie Pädophilie als Krankheit betrachten, kann sie behandelt und geheilt werden?

Platz: Man kann sie behandeln, heilen kann man sie nicht. Ich hatte einen Fall, da ließ sich ein Pädophiler in der Haft freiwillig kastrieren. Als er rauskam, holte er sich als Erstes Hormonspritzen vom Arzt. Am Tag darauf nahm er sich zwei Kinder auf dem Dachboden vor. An der Berliner Charité stecken wir jetzt viel Geld und Energie in ein Dunkelfeldprojekt, in dem wir Menschen Hilfe anbieten, die noch nicht straffällig geworden sind und unter ihrer Neigung leiden.

SZ: Nach Darstellung von Ermittlern werden die Opfer von Pädophilen immer jünger. Und in einschlägigen Internetzirkeln kursieren Bilder von Kleinkindern oder sogar von Säuglingen. Ist das die schreckliche Ausnahme oder fallen hier letzte Tabus?

Platz: Es gibt solche Fälle. Ich hatte selbst mehrere Täter in Behandlung, die Kleinkinder, Zweijährige, missbraucht haben. Eigentlich hat das nichts mehr mit Pädophilie zu tun, das ist eine Persönlichkeitsstörung mit Zügen von Sadismus. Aber die Bilder werden immer härter. Vor zehn Jahren habe ich einen Kinderpornohändler begutachtet, der hat Filme in die ganze Welt verkauft. Da waren kleine nackte Jungs zu sehen, die gemeinsam badeten, sich gegenseitig anfassten. Mit solchen Bildern können Sie heute niemanden mehr reizen.

SZ: Kann sich ein Pädophiler damit trösten, dass er die missbrauchten Kinder ja nur ansieht und ihnen eigentlich nichts tut?

Platz: Stimmt doch nicht. Er setzt damit eine Industrie in Gang, die immer neue Opfer fordert. Jeder Klick eröffnet einen neuen Markt.

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(SZ vom 28.12.2007/grc)