Tausende Deutsche verdienen sich etwas dazu, indem sie bei Medikamententests mitmachen - auch Skandale halten sie nicht davon ab.
Als Simon Fritzsche das erste Mal mit dem Gas Propofol narkotisiert wurde, konnte er erst einmal kaum schlucken. "Und mir war kotzschlecht" Aber das waren harmlose Nebenwirkungen - verglichen mit denen, die beim Versuch mit dem Medikament TGN1412 auftraten, das vor zwei Wochen in die Schlagzeilen geraten ist. Als neues Mittel hätte es gegen Leukämie, Arthritis und Multiple Sklerose eingesetzt werden sollen.
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Die sechs Probanden fielen in London allesamt ins Koma, zwei von ihnen sind immer noch nicht erwacht. Seitdem gelten Teilnehmer medizinischer Test als tollkühn, wenn nicht gar als lebensmüde.
Simon Fritzsche ist einer von mehreren tausend Deutschen, die sich im Jahr als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen. Wie viele es sind, weiß niemand genau. Der "Verband Forschender Arzneimittelhersteller" geht von einer Zahl zwischen 6000 und 10 000 Probanden aus.
400 Euro Entschädigung
"Ich habe mir die Risiken genau überlegt", sagt Simon Fritzsche. Seine Schwester, die Ärztin ist, hatte auch keine Bedenken. Die Narkotika waren erprobte Substanzen, unbedenklich normalerweise.
Und dann waren da natürlich noch die 400 Euro Aufwandsentschädigung: leicht verdientes Geld für ein paar Stunden Schlaf. "Das war für mich der primäre Grund, mitzumachen." Im Münchner Klinikum Rechts der Isar wurde er an ein Hirnstrom-Messgerät angeschlossen und bekam einen Clip ans Ohr gesteckt, der scheußliche Töne von sich gab.
Die Forscher wollten wissen, wie das Gehirn des 24-jährigen Studenten unter Narkose auf Geräusche reagiert, die Apparate in OP-Sälen von sich geben.
Der 37-jährige Willi Breckle, der heute als Diakon bei Nürnberg arbeitet, hat im vergangenen Jahr am gleichen Versuch teilgenommen. "Ich hatte gerade Zeit und fand den Versuch interessant", sagt er.
Natürlich, kostenlos hätte er bei dem Versuch nicht mitgemacht. Medikamente zu testen, die davor nur an Tieren ausprobiert wurden, so wie das fatale TGN1412, hätte er früher nicht kategorisch abgelehnt. "Aber jetzt, nach den Nachrichten aus England, ist das schon etwas anderes."
Der Weg, bis ein Medikament zur Marktreife entwickelt ist, dauert Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte. Nach den vorklinischen Labortests wird in der Phase I zunächst an gesunden Menschen getestet, wie gut sie das Präparat vertragen. Die Probanden müssen normalerweise zwischen 18 und 35 Jahre alt sein. Gesucht werden fast ausschließlich Männer, weil junge Frauen unwissentlich schwanger sein könnten und die Medikamententests einem Ungeborenen schaden können.
In Phase II geht es dann unter anderem darum, die optimale Dosierung zu ermitteln. Schließlich muss in Phase III nachgewiesen werden, dass das Präparat wirksam ist. Erst danach wird ein Medikament zugelassen. Damit enden die Tests aber noch nicht. In Phase IV werden Tausende von Teilnehmern getestet, um auch selten vorkommende Nebenwirkungen zu erfassen.
Bei so einem Versuch hat die 26-jährige Berlinerin Viktoria Lodd mitgemacht. Über mehrere Wochen erprobte sie ein Verhütungspflaster. 1500 Euro bekam sie dafür als Honorar - die einzige Nebenwirkung war die gerötete Haut, nachdem sie sich das Pflaster heruntergerissen hatte. "Bei klinischen Tests denken die Leute immer, man liegt hilflos zwischen irgendwelchen Schläuchen und weiß nicht, was mit einem geschieht", sagt sie. "Das ist aber Unsinn."
Bis zur Phase IV schaffen es nur wenige Präparate. Nach einer Veröffentlichung der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat ein Wirkstoff nur eine Chance von acht Prozent, Marktreife zu erlangen. Oft zeigt sich, dass Ergebnisse aus vorangegangenen Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar sind. Das ist Alltag.
Aber was in London geschah, hätte nach Ansicht von Experten gar nicht passieren dürfen: "Man wusste, es handelt sich um ein hochpotentes Mittel", sagt der Leiter des Zentrums Klinische Studien von der Universität Freiburg, Herbert Maier-Lenz.
"So ein Medikament hätte man niemals an sechs Probanden gleichzeitig ausprobieren dürfen." Da hilft es nichts, dass sich die Herstellerfirma TeGenero in Würzburg "schockiert über die Symptome bei den Freiwilligen" zeigt. "Es ist ein Drama für die klinische Forschung", sagt Ralf-Thomas Hillebrand vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller.
Hillebrand glaubt dennoch nicht, dass der medizinischen Forschung die Probanden ausgehen werden. "Das regelt der Markt." Will heißen: Man muss notfalls ein bisschen mehr Aufwandsentschädigung zahlen.
Vom 28-jährigen Nino El Hady, der nach dem missglückten Test in London immer noch im Koma liegt, berichtete das englische Boulevardblatt The Sun kürzlich, er habe durch medizinische Tests in vier Jahren 90 000 Pfund zusammenbekommen. Zeitweise soll er an zwei Versuchen gleichzeitig teilgenommen haben.
Die Nachricht von den drei- bis vierstelligen Honoraren für die Tests hat in Großbritannien einen regelrechten Run ausgelöst. Bei den Betreibern der Webseite "Entertrials", bei der sich Freiwillige registrieren lassen können, haben sich drei Mal mehr Interessenten gemeldet als vor den Berichten.
Versuchskaninchen als Beruf? In Deutschland undenkbar. Anders als in Großbritannien werden die Probanden hier "sehr gut überprüft", wie der Leiter des Zentrums Klinische Studien in Freiburg, Herbert Maier-Lenz, versichert. "Wenn jemand in Freiburg an einer medizinischen Studie teilnimmt, wird das zentral registriert. Er kann dann nicht gleich darauf in München Proband sein." Auch Viktoria Lodd hat einen Vertrag unterschrieben, der regelt, dass sie höchstens drei Tests im Jahr mitmachen darf. Selbst bei 1500 Euro bei jedem Test wäre das ein mageres Jahressalär.
Arbeitslose als Testpersonen
Bei der Agentur für Arbeit verfiel man dennoch zeitweise auf die Idee, im Pillenschlucken einen richtigen Broterwerb zu sehen. So trug ein Jobvermittler vor zwei Jahren einem Mannheimer Arbeitslosen an, sich doch bitteschön als Testperson bei einer Studie zum Hörvermögen zu melden. Dazu hätte der Arbeitslose chemische Substanzen einnehmen sollen. Entschädigung: 500 Euro. Der Bewerber, so hieß es, solle sich "umgehend einen Vorstellungstermin" geben lassen.
500 Euro hatte auch der 28-jährige Regensburger Student Christoph Sigl in Aussicht gehabt, wenn er ein morphinhaltiges Schmerzmittel ausprobiert hätte. "Mich hat das schnelle Geld gelockt", sagt er. Aber als es dann hieß, ihm solle eine Magensonde eingeführt werden, die elektrische Impulse aussende, um Schmerzen auszulösen, da hat er die 500 Euro lieber sausen lassen. "So viel Morphium, wie ich dazu gebraucht hätte, hätten die mir gar nicht geben können."
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(SZ vom 29.03.2006)
Studie von UN-Kinderhilfswerk