Natascha Kampusch: "3096 Tage" "Nichts ist nur schwarz und nur weiß"

Manchmal pathetisch, manchmal verstörend: Mit ihrem Buch über ihre Gefangenschaft möchte Natascha Kampusch ein Stück Deutungshoheit über ihr Leben zurückerlangen - und schreibt Dinge, die man "von einem Entführungsopfer nicht gerne hört".

Von Wolfgang Luef

Nun spricht sie wieder. Und sofort sind die Titelseiten wieder voll von diesen Begriffen: Hölle, Keller, Horror, Bestie. Die junge Frau ist im Fernsehen zu sehen, gerade war sie bei "Beckmann". In zahlreichen Interviews schildert sie wieder ihr schweres Schicksal, das sie schon so oft erzählt hat, und das die Menschen immer noch schaudern lässt: Natascha Kampusch wurde 1998 als Zehnjährige entführt, ein arbeitsloser Fernmeldetechniker fing sie am Schulweg ab und sperrte sie in ein Kellerverlies in einem Dorf nahe Wien.

Acht Jahre später hat sie sich selbst befreit. Nun ist sie 22, weltberühmt, und sie hat ein bemerkenswertes Buch über ihre Gefangenschaft geschrieben. Deshalb ist sie auf PR-Tour.

"3096 Tage" heißt das Werk, in dem Kampusch, unterstützt von zwei Koautorinnen, ihr Schicksal manchmal pathetisch und manchmal verstörend nüchtern beschreibt. Doch die 284 Seiten lesen sich auch wie eine Richtigstellung. Mit dem Buch will sie ein Stück Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte zurückerlangen.

Im Zentrum steht das Verhältnis zu Wolfgang Priklopil, der 35 Jahre alt war, als er das Mädchen packte und in sein Auto zerrte. Sie nennt ihn im Buch durchgängig nur "den Täter". Nur einmal, als sie eine Passage aus ihrem Tagebuch zitiert, bekommt er plötzlich einen Namen. Zu Silvester, so hat sie in ihrem Verlies auf einen Block gekritzelt, habe sie ihm nach dem gemeinsamen Bleigießen einen Schornsteinfeger geschenkt, den sie selbst gebastelt habe. Wolfgang habe ihr Schokotaler und Kekse gegeben. Sie teilte ihre Süßigkeiten mit ihm. "Nichts ist nur schwarz und nur weiß", schreibt Kampusch unter diesen Tagebucheintrag. Das sei so ein Satz, den man "von einem Entführungsopfer nicht gerne hört."

Auch manche der Geschichten über ihre Gefangenschaft, die in den vergangenen Jahren portionsweise vom Boulevard kolportiert worden sind, wollten nicht in das Schema des machtlosen, gequälten Opfers passen. Sie sei mit Prikopil zum Skilaufen gegangen, hieß es da, außerdem zum Einkaufen und auf Ausflüge. In "eheähnlichen Zuständen" habe dieses entführte Mädchen da gelebt, schrieb erst kürzlich etwas spöttisch eine österreichische Boulevardzeitung.

Den vielen maliziösen Unterstellungen setzt Kampusch ihre Version der Geschichte entgegen - sie schildert, mit welchen perfiden Mitteln Priklopil sie dazu brachte, gar nicht mehr an Flucht denken zu können. Er machte sich selbst zum Gott seiner Scheinwelt, die er seinem Opfer aufzwängte: "Ich habe dich erschaffen", habe er einmal zu ihr gesagt.

Von Anfang an oszilliert der Entführer zwischen Fürsorge und Terror. Er spielt mit dem verängstigten Kind Mensch-ärgere-dich-nicht, küsst es auf die Stirn, dann wirft er mit Gegenständen nach ihm. Er nimmt seiner Geisel das Vertrauen in ihre alte Welt, indem er ihr einredet, ihre Eltern würden keinen Deut auf sie geben. Dann nimmt er ihr die Vergangenheit, indem er ihr verbietet, über irgendetwas außerhalb ihres Verlieses zu sprechen. Schließlich nimmt er ihr die Identität: Sie erhält den Namen Bibiana.

Erpressung mit Büchern, Videos, Schokolade

Detailliert schildert Kampusch auch die alltäglichen Misshandlungen: Wie Priklopil sie tritt und mit Gegenständen und Fäusten schlägt, immer wieder auf dieselben Stellen ihres Körpers, auf dieselben Wunden, die dadurch nie richtig verheilen können; wie er ihren Kopf rasiert und sie zwingt, sich halbnackt durchs Haus zu bewegen, wie er sie im Verlies mit ständiger Kontrolle, mit Licht-, Nahrungs- und Aufmerksamkeitsentzug bestraft.

Gleichzeitig ist er der Einzige, der ihr Gutes tun kann: Mit Büchern, Videos, Schokolade und regelmäßigen Mahlzeiten erpresst er sich Zuneigung. "Es ist so einfach, einen Menschen an sich zu binden, den man hungern lässt", schreibt Kampusch. Priklopil habe sie so weit gebracht, dass sie vor der Welt außerhalb ihres Verlieses Angst hatte. Manchmal habe sie sogar daran gezweifelt, dass es überhaupt eine Welt draußen gibt.

Das Buch sei ein Abschluss für sie, sagt Kampusch. Sie habe sich ihr Schicksal damit von der Seele geschrieben, sich davon distanziert - sie könne es nun von außen betrachten. Wahrscheinlich wird sie etwas Ähnliches über den Kinofilm sagen, den Bernd Eichinger von 2011 an mit ihrer Zustimmung drehen wird.

Nur "einen letzten Rest an Privatsphäre" wolle sie aus ihren acht Jahren in Gefangenschaft retten, schreibt sie, als sie schildert, dass Prikopil sie mit Plastikhandfesseln an sich festband, wenn er sie zwang, bei ihm im Bett zu schlafen. Obwohl manche Zeitungen bis heute wie selbstverständlich von "Vergewaltigungen" schreiben, obwohl man Priklopil von Anfang an eine "Sexbestie" nannte und über pornographische Aufnahmen und eine Schwangerschaft spekulierte - Kampusch will "über diesen Teil meiner Gefangenschaft nicht schreiben"

Ihr Buch sei nicht voyeuristisch, hat sie in mehreren Interviews der vergangenen Tage betont. Ein Voyeur wird der Leser ihres Buchs und ihrer Interviews allenfalls in einer anderen Form: Die Welt sieht ihr weiterhin dabei zu, wie sie sich selbst therapiert. In einer Millionenauflage.