Von Kai Strittmatter

Nach dem tödlichem Trinkgelage wird klar: Der Tod des deutschen Schülers ist kein Einzelfall - in der Türkei sterben öfter Menschen, weil sie gepanschten Alkohol trinken.

Nach dem tödlichen Trinkgelage Lübecker Schüler im türkischen Mittelmeerort Kemer fragt nun auch die türkische Öffentlichkeit, ob die Schuld bei gepanschtem Alkohol liege: "Der Verdacht auf gefälschte Spirituosen wächst", schrieb die Zeitung Vatan am Donnerstag. Nachdem Ärzte in Deutschland bei der Obduktion des verstorbenen 21-Jährigen eine Methanolvergiftung diagnostiziert hatten, tippen Vatan zufolge nun auch die türkischen Ärzte in Antalya auf eine Überdosis Methanol bei den anderen Opfern.

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Legaler Raki - in der Türkei wird aber auch gepanschte Ware angeboten. (© Foto: afp)

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Zwei der Schüler des Berufsbildungswerkes Lübeck liegen noch im Koma, vier weitere wurden aus dem Krankenhaus entlassen. Die beiden Komapatienten wurden am Donnerstag zurück nach Deutschland geflogen. Das sei auf Wunsch ihrer Familien geschehen, erklärte ein Arzt des Anadolu-Krankenhauses.

Staatsanwalt vernimmt Schüler

Der Staatsanwalt von Kemer vernahm derweil vier der deutschen Schüler. Der türkischen Presse zufolge sagten sie aus, sie hätten den Alkohol im Hotel selbst gekauft. Zuvor war berichtet worden, die Schüler hätten ein vom Lehrer verhängtes Trinkverbot umgangen, indem sie sich in einem Laden in der Nähe des Hotels Schnaps besorgt hätten.

In der Türkei machen immer wieder Fälle von gepanschtem Schnaps Schlagzeilen, oft handelt es sich um Wodka, meist aber um den Anisschnaps Raki, das Nationalgetränk. Der türkische Staat belegt Alkohol aller Art mit hohen Steuern und unter der konservativ-islamischen AKP-Regierung wurden die Sätze noch mehr heraufgesetzt.

Dabei gilt: Je höher der Alkoholgehalt, umso höher der Steuersatz. Das macht Hochprozentiges wie Wodka und den 45 prozentigen Raki für manche Türken fast unerschwinglich (eine 0,7-Liter-Flasche Raki kostet in der Türkei zwischen 12 und 20 Euro) - und erhöht die Verlockung zum Schwarzbrennen.

Im März erst starben im westanatolischen Bursa vier Menschen an gekauftem gepanschtem Raki, zwei Bauern starben nach Genuss ihres Selbstgebranntem. Das hochgiftige Methanol, das oft in Schwarzgebranntem zu finden ist, kann schon in kleinen Mengen zu Erblindung, Lähmung und zum Tod führen.

In der Türkei stand die Produktion von Raki von 1944 an sechs Jahrzehnte lang unter staatlichem Monopol: Einzig das Staatsunternehmen Tekel durfte Raki und anderes Hochprozentiges herstellen, was dem Staat Einnahmen sicherte, zugleich aber den gefährlichen Schwarzbrennern das Handwerk legen sollte.

Das Monopol wurde 2002 aufgelöst, die größte Rakifirma des Landes, "Mey", 2004 an einen US-Investor verkauft. Das Jahr 2005 galt dann als "Jahr der Raki-Krise". Zuerst wurden in einer Raki-Destillerie in Izmir 500.000 Hologramme gestohlen, mit denen auf Flaschen die Echtheit des Schnapses garantiert werden soll; dann starben im März 2005 nicht weniger als 21 Menschen an gepanschtem Raki, den eine Bande von einem Istanbuler Parkhaus aus in Umlauf gebracht hatte. Die Rakifirmen reagierten auf die Tragödie damals mit einem neuen, vermeintlich fälschungssicheren Plastikverschluss auf ihren Flaschen.

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(SZ vom 03.04.2009/dmo)