Nichts ist geblieben: Auch vier Wochen nach der Katastrophe in Japan kämpfen sich viele Menschen in den Tsunami-Gebieten noch durch einen provisorischen Alltag in Notunterkünften. Die Aufräumarbeiten werden noch Monate dauern.
Auf und ab schlängelt sich die Straße durch den Kiefernwald, an kleinen Bauernhäusern und Bambushainen vorbei. Und hinter der nächsten Kurve öffnet sich die Hölle. Der Rumpf eines Fischkutters liegt seitlich am Straßenrand, im Bachbett vermodern zertrümmerte Häuser; überall liegen zerquetschte Autos, einige hängen am Waldrand verkeilt in den Bäumen. Schutt, so weit das Auge reicht, auch vier Wochen nach dem Tsunami noch. Menschen sieht man zuerst keine. Einzelne Autos fahren im Schritttempo durch die freigeschaufelt Pfade. Ein Möwenschwarm kreischt über dem bisherigen Fischerstädtchen Shizugawa, dem Ortskern von Minamisanriku.
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Etwa die Hälfte der 17.000 Bewohner sind tot oder werden vermisst: In Minamisanriku ist nach dem Tsunami nichts mehr wie es einmal war. (© AP)
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Das Wasser, das der Tsunami zurückgelassen hat, ist versickert - aber das ganze Tal riecht noch wie der Strand bei Ebbe.
Etwa die Hälfte der 17.000 Bewohner von Minamisanriku sind tot oder werden vermisst. Die Überlebenden hausen seit vier Wochen in Notunterkünften. Das Leben hat sich aus Shizugawa zurückgezogen. Nur über der Linie der Zerstörung, die der Tsunami in die Hänge gekerbt hat, scheint alles normal. Aus dem ehemaligen Ortskern ragen die Skelette einiger Gebäude, das Krankenhaus von Minamisanriku steht noch da, allerdings verwüstet, das Wasser reichte bis unters Dach.
Nichts ist geblieben. Am kaputten Hafen von Shizugawa brennen Scheiterhaufen; drei Feuerwehrleute sitzen in ihrem Wagen und passen auf. Für Metallmöbel, Kühlschränke und Fernseher sah man auf der Herfahrt eine Sammelstelle, ein Lkw transportierte Autowracks ab. Aber noch weiß niemand, wie Japan etwa 80 Millionen Tonnen Müll entsorgen soll.
Vom Bahnhof ist nur der Parkplatz geblieben. Unweit davon liegt ein Postkartenalbum im Sand, eine Großmutter hat die Neujahrsgrüße ihrer Enkel und von Bekannten aufbewahrt. Weiter hinten ein aufgeweichter Teddybär, eine zerschlagene Kloschüssel. Draußen auf der Bucht schwimmen viele Schuttinseln. Die Leichen sind geborgen, an diesem Samstag sieht man keine Überlebenden mehr, die Trümmer durchsuchen.
Nur Soldaten arbeiten sich durch den Schutt, sie bergen wertvolle Gegenstände, vor allem Erinnerungsstücke. Freiwillige reinigen diese dann, sortieren sie und suchen ihre Eigentümer. Vor einigen Tagen haben sie einige Schulranzen in eine Notunterkunft gebracht, Familienfotos, Taschen. Wenn die Soldaten fertig sind, wird die Parzelle jeweils für die Bagger freigegeben.
Wo ein Städtchen war, ist jetzt Brachland
Im Nachbarort Tokura ist diese Arbeit fast abgeschlossen; wo das Städtchen war, ist jetzt Brachland. Aber bis die ganze lange Küste so aufgeräumt ist, wird es Monate dauern. Auf der Straße nach Tokura hoch über der Küste passiert man ein sauberes Schild: "Bis hier kann ein Tsunami das Land überschwemmen." So hoch stiegen die Wellen diesmal nicht. Man rechnete in Minamisanriku mit einem Killer-Tsunami. Und baute Sperren. Aber das Meer hat sie einfach weggeschoben oder zertrümmert.
Auf einer Anhöhe hinter Shizugawas Hausberg Tennosan fanden nach dem Tsunami 1500 Menschen in der Sporthalle eine Notunterkunft. Frierend harrten sie aus; ohne Strom, ohne Heizung, fast ohne Lebensmittel und ohne Benzin. Abgeschnitten. Die japanische Armee habe, anders als die amerikanische, Helikopterflüge nur zur Rettung, aber nicht zur Versorgung geflogen, weiß hier jemand. Die Bürokraten in Tokio hätten das nicht erlaubt.
Was ist das für ein Land, das einen Killer-Tsunami live aus dem Hubschrauber im Fernsehen überträgt, aber keine Hilfsflüge gestattet, wenn die Menschen hungern? Inzwischen stehen auf dem Vorplatz der Sporthalle zwei Satelliten-Übertragungswagen, Minamisanriku ist in Japan eine große "Story". Auf einem Großbildschirm flackert eine Seifenoper; ein Jahrmarktstand gibt Kindern Zuckerwatte aus, ein Musiker spielt auf. Strom gibt es immer noch nicht, seit dem starken Nachbeben vorige Woche in der ganzen Region nicht. Aber eine Telefongesellschaft hat Lade-Generatoren aufgestellt.
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Analyse des DFB-Kaders
... wie viele Häuser an der Küste aus Holz gebaut waren. Bei den Japanern wird es im Winter ähnlich kalt wie bei uns.
Ein Kommentator, ich glaube es war auf N-TV, erwähnte dann mal, dass vor allem die ärmere Bevölkerung in Meernähe in Holzhütten wohnte. Auch in Japan trennt sich die Bevölkerung in sehr Reiche und Wohlhabende einerseits und vom Wohlstand Abgeschnittene andererseits, die dann in Tzunamireichweite wohnen müssen, weil die höheren Wohnorte für sie finanziell unerreichbar sind. In der Region hat das nun dazu geführt, dass es rund 30 000 Arme weniger gibt.
Die 3000 Euro vom roten Kreuz könnten schon dazu reichen, dass sich viele der über 100 000 Obdachlosen wieder einen behelfsmäßigen Unterschlupf auf den entstandenen Freiflächen erstellen können. Jobmäßig dürfte es in nächster Zeit noch einiges aufzuräumen geben. Wenn man allerdings nun lesen muss, dass die Arbeit von Soldaten und Freiwilligen gemacht wird, sieht es schlecht für die aus, die auf einen echten Job mit echtem Lohn angewiesen wären.
Nun ja, unsere Medien werden es sicher ergötzlich finden, über den japanischen Freiwilligen-Gemeinsinn zu philosophieren und ihn mit der deutschen Zurückhaltung vergleichen, wo es immer noch (völlig überbezahlte) Gemeindearbeiter braucht, um die Städte einigermaßen sauber zu halten.
Wenn man die zurückliegende Berichterstattung über das Erdbeben- bzw. Tsunamiunglück erinnert, dann ging es nahezu ausschliesslich um das zerstörte AKW in Fukushima und die daraus abgeleitete Atomkatastrophe. Die über 20 000 Toten der Überschwemmung und das Leid durch die masslosen Zerstörungen kamen vergleichsweise nur am Rande vor. Wenn jetzt dieser Bericht über das Leiden der Menschen, das ausschliesslich durch den Tsunami verursacht wurde, immer noch unter der Rubrik "Atomkatastrophe in Japan" läuft, dann ist das bezeichnend für die Tendenz der Berichterstattung, die vor allem am Angstmachen (bei den Nichtbetroffenen in Deutschland) interessiert war oder ist.