Nach dem Amoklauf in Winnenden Erste Hinweise auf das Tatmotiv

Fieberhafte Suche nach dem Auslöser des Amoklaufs im schwäbischen Winnenden: Offenbar haben die Ermittler nun erste Hinweise auf den Hintergrund der Bluttat.

Nach dem Amoklauf im schwäbischen Winnenden sucht die Polizei mit Hochdruck nach dem Motiv des Täters. Bei den Ermittlungen im Umfeld des 17-jährigen Tim K. hätten sich dazu im Laufe der Nacht erste Anhaltspunkte ergeben, sagte der Waiblinger Polizeichef Ralf Michelfelder im ZDF.

"Das Motiv hängt mit dem Internet zusammen", sagte Polizeisprecher Klaus Hinderer in Waiblingen zur Nachrichtenagentur AP. Auf den Computern des 17-jährigen Ex-Schülers der Realschule wurde nach seinen Angaben ein Kampfspiel, eine Variante der "Counterstrike"-Spiele, gefunden. Darin sei ein Teil des Motivs für den Amoklauf zu sehen. Zu bedenken bleibt aber, dass sich solche Spiele auf zahllosen Computern finden - ohne blutige Konsequenzen.

Tim K. griff zu einer Waffe seines Vaters: In der Albertville-Realschule, in der der Jugendliche seinen Amoklauf begonnen hatte, wurden nach Angaben Michelfelders mindestens 60 Schüsse abgefeuert. Allein dies zeige, mit welch massiver Gewalt der Täter vorgegangen sei.

Sky News veröffentlichte ein Video der letzten Sekunden des Amokläufers.

Bekannte hatten Tim K. als Waffennarr beschrieben, alle Informationen dazu sind allerdings unbestätigt. Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) hatte erklärt, es gebe bislang keine hinreichenden Anhaltspunkte für die Tat. Der Amokläufer Tim K. habe keinen Anlass für Zukunftsängste gehabt. Keine Hinweise gebe es auch darauf, dass die Tat angekündigt worden sei.

Möglicherweise wurde Tim K. jedoch von Mitschülern gemobbt. Eine zwölfjährige Teilnehmerin des Trauergottesdienstes am Mittwochabend sagte der Nachrichtenagentur AP, sie habe Tim K. über einen Freund kennengelernt. Er habe ihr vor etwa drei Wochen einen Brief gezeigt.

"Er schrieb seinen Eltern, dass er leidet und nicht mehr weiter kann", sagte Fabienne B. der Nachrichtenagentur AP. Mitschüler hätten sich über ihn lustig gemacht, die Lehrer hätten ihn ignoriert. Die Polizei erklärte auf AP-Anfrage, dass ihr von diesen Umständen nichts bekannt sei.

Ermittelt wird nun auch, ob der Vater des Täters dafür belangt werden könne, dass er eine Pistole nicht sicher weggeschlossen hatte. "In der Tat deutet alles darauf hin, dass der Vater hier nachlässig war, was das Verwahren dieser einen Waffe anbelangt", sagte Michelfelder. Es sei nun an der Staatsanwaltschaft zu entscheiden, ob deshalb rechtliche Schritte gegen die Eltern ergriffen werden müssten.

Psychologische Betreuung

Michelfelder sagte, von den neun verletzten Schülern lägen noch sieben im Krankenhaus. Mehrere von ihnen hätten schwere Verletzungen bis hin zu Bauchschüssen erlitten. Sie seien aber ebenso wie die beiden verletzten Polizisten außer Lebensgefahr.

Psychologen kümmern sich unterdessen um die Angehörigen der Toten - und um die Schüler und Lehrer, die das Drama überlebt haben.

Auch viele Polizisten suchten nach dem Einsatz Hilfe. Während die Albertville-Realschule in Winnenden vorerst geschlossen bleibt, wollen die Lehrer an vielen anderen Schulen im Land mit ihren Schülern über das Geschehene sprechen und ihnen die Angst nehmen.

Zahlreiche Bundesländer schicken Schul- und Polizeipsychologen nach Baden-Württemberg. Die 25 einheimischen Kräfte würden bei der Betreuung von Schülern, Lehrern und Eltern von speziell ausgebildeten Schulpsychologen aus Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz unterstützt, teilte Kultusminister Helmut Rau (CDU) mit.

Am Abend zuvor hatten Hunderte Trauernde in der katholischen Kirche St. Karl Borromäus in Winnenden der Opfer des Amoklaufs gedacht. Auch viele Schüler der Albertville-Realschule nahmen an dem ökumenischen Gottesdienst teil. Immer wieder brachen Menschen zusammen und mussten von Sanitätern aus der Kirche gebracht werden.

"Dort darf kein Unterricht mehr stattfinden"

Zum Ende der Feier entzündeten Dutzende Trauergäste eine Kerze und legten sie unter dem Kreuz vor dem Altar der Kirche nieder. Vor der Albertville-Realschule versammelten sich in der Nacht Dutzende zu einer Mahnwache. Hunderte Kerzen erinnerten an die Opfer. Trauernde hatten Kuscheltiere, Porzellanfiguren, Frühlingsblumen und roten Rosen niedergelegt.

Nach diesen Erfahrungen könnten die Schüler nie wieder unbeschwert in ihre Schule zurückkehren, sagte der Psychologe und Trauma-Spezialist Christian Lüdke. In der in Hannover erscheinenden Neuen Presse forderte er deshalb die Schließung der Albertville-Schule.

"Die Schule ist zum Tatort geworden. Dort darf kein Unterricht mehr stattfinden." Schlimmstenfalls könnten Kinder sonst noch in einigen Wochen in das Trauma des Tat-Tages zurückversetzt werden. "Da hilft es auch nicht, wenn man die Wände streicht", sagte der Experte. Lüdke hatte 2002 nach dem Amoklauf am Erfurter Guttenberg-Gymnasium die Schüler betreut.

Allerdings sind sich Experten sicher, dass man solche Amokläufe nie mit Sicherheit verhindern kann. "Wir können uns um Außenseiter kümmern, um Jugendliche, die in Krisensituationen sind. Aber verhindern können wir Amokläufe nicht", sagte der Leiter des Kriminologischen Instituts in Hannover, Christian Pfeiffer, der Wetzlarer Neuen Zeitung.

Auch ein stärkerer Polizeischutz für Schulen bringe nichts. "Mehr Polizeipräsenz erhöht eher noch das Risiko von Amokläufen", sagte Pfeiffer. Viele der Ofer seien Schüler gewesen. Das könnte ein Hinweis auf vorhergehendes Mobbing gewesen sein: "Es könnte sein, dass die Schule für den Täter ein Ort der subjektiven Erniedrigung war."

Der Psychologe Jens Hoffmann von der Technischen Universität Darmstadt glaubt, dass Amokläufe leicht Nachahmertaten hervorrufen können. Man müsse sehr viel aufmerksamer auf Warnsignale achten, die Schüler häufig lange vor Amoktaten aussendeten. "Jugendlich verraten viel stärker als Erwachsene ihre Pläne und kündigen die Tat am Ende oft auch an", sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Die Schulen haben sich zu lange weggeduckt, aber das verändert sich glücklicherweise langsam."

Tim K. war am Mittwochmorgen im schwarzen Kampfanzug und mit einer Pistole seines Vaters bewaffnet in seiner früheren Schule erschienen und hatte acht Mädchen und einen Jungen im Alter von 14 bis 15 Jahren getötet, die meisten von ihnen mit gezieltem Kopfschuss. Außerdem ermordete er drei Lehrerinnen. Anschließend zwang der 17-Jährige einen Autofahrer, ihm bei der Flucht zu helfen. Im 40 Kilometer entfernten Wendlingen konnte die Polizei den Amokläufer stoppen: Nachdem Tim K. in einem Autohaus noch zwei weitere Menschen getötet hatte, lieferte er sich einen Schusswechsel mit der Polizei. Dabei wurde er verletzt und nahm sich selbst das Leben.

Das Vorgehen des 17-Jährige war dabei sehr untypisch, sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg. Bei ähnlichen Amokläufen an Schulen hätten die Täter fast nie die Flucht ergriffen, sondern sich noch im Gebäude selbst getötet, sagte er im ZDF.

Egg geht davon aus, dass Tim K. seine Tat zunächst sehr penibel geplant hatte. "Er hat sich vorgenommen, wann und in welcher Weise er in die Schule eindringt und die Menschen ermordet." Dann habe er sich aber scheinbar extrem schnell zur Flucht entschlossen.

"Und da scheint er mir völlig kopflos geworden zu sein. Da hat er nur noch wild um sich geschossen und hat wohl auch gemerkt: Es geht zu Ende, und es kommt auf gar nichts mehr an."

Eine Stadt trauert

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