Nach dem Absturz von MH17 Respektlosigkeit im Trümmerfeld

Bewaffnete prorussische Separatisten blockieren den Weg zum Trümmerfeld der Boeing 777 (Archiv 20.7.2014)

(Foto: AFP)

Unbefugte gelangen ungehindert aufs Absturzgelände. Die Flugschreiber verschwinden. Und ein Helfer übergibt einer Reporterin sensible Dokumente eines Opfers. Nach dem Abschuss von Flug MH17 in der Ostukraine gelten internationale Richtlinien nicht viel.

Von Thierry Backes

Colin Brazier redet über Sonnenbrillen und Produkte aus dem Duty-Free-Shop, er fummelt in einem Koffer herum, der mutmaßlich einem kleinen Mädchen gehört hat, er hebt einen Schlüsselbund auf und hält eine Zahnbürste in die Kamera, um dann festzustellen: "We shouldn't really be doing this." Der Sky-Reporter hat viel Kritik einstecken müssen für diesen Bericht vom MH17-Trümmerfeld in der Ostukraine. Der Beitrag wurde im britischen Fernsehen ausgestrahlt. Unter anderem die BBC-Journalistin Shelagh Fogarty verurteilte die Arbeit ihres Kollegen:

Sender und Reporter haben sich mittlerweile entschuldigt. Die Wahrheit ist aber auch: Wäre die Malaysia-Airlines-Maschine nicht in dem von russischen Separatisten kontrollierten Teil der Ostukraine abgestürzt, wäre Brazier vermutlich gar nicht in der Lage gewesen, diese Bilder zu machen. Die Aufständischen haben die Absturzstelle nicht so abgesperrt, wie es internationale Standards verlangen.

Die Untersuchung von Luftfahrtunfällen ist genau geregelt - eigentlich

Für Flugzeugabstürze hat die Internationale Organisation für Zivilluftfahrt (ICAO), eine UN-Unterorganisation, klare Regeln aufgestellt. Sie sehen an erster Stelle vor, dass jenes Land mit der Untersuchung eines Absturzes betraut wird, in dem ein Flugzeug verunglückt ist. Auf dem Papier in diesem Fall also die Ukraine. Doch die Regierung in Kiew hat das umkämpfte Gebiet im Osten de facto nicht unter Kontrolle. Sie kann nicht verhindern, dass Koffer geplündert und Flugschreiber entwendet werden - und zwar nicht nur, weil die Trümmer über ein Areal von 34 Quadratkilometern verteilt liegen.

Wie eine Untersuchung im Idealfall auszusehen hat, hat die ICAO in einem 43 Seiten langen Anhang 13 zum "Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt" (auch "Chicagoer Abkommen" genannt) geregelt (und in einem 550 Seiten dicken Handbuch für Ermittler präzisiert). Der für die Ermittlung zuständige Staat hat demnach die Aufgabe, Beweise zu sichern, sie bis zum Ende der Untersuchung aufzubewahren und vor Unbefugten, Diebstahl oder Zerstörung zu schützen. Die Ermittler müssen "ungehinderten Zugang zum Wrack und allen relevanten Materialien" erhalten, einschließlich Flugschreibern und anderer Flugsicherheitsaufzeichnungen, heißt es etwa in Punkt 5.6. Doch die Aufständischen halten sich offenkundig nicht oder zumindest nicht immer an den Inhalt dieser von mehr als 190 Staaten anerkannten Dokumente. Darunter die Ukraine und Russland.

Was an der Absturzstelle alles schiefläuft

Bis zu 900 Separatisten sollen die Rettungskräfte seit dem Tag des Absturzes in der Nähe der Ortschaft Grabowo überwacht und erheblich einschränkt haben, klagte der ukrainische Vize-Regierungschef Wladimir Groisman. Auf Bildern vom Sonntag ist zu sehen, wie die Flugschreiber aus dem Trümmerfeld geborgen werden. Sie sollten in Donezk den internationalen Experten ausgehändigt werden, sagte Separatistenführer Alexander Borodaj. Am Dienstagmorgen (Ortszeit) in Kuala Lumpur kündigte dann der malaysische Regierungschef Najib Razak an, dass die Blackboxes Malaysia ausgehändigt werden sollen. Er habe von dem selbsternannten Ministerpräsidenten der von prorussischen Separatisten kontrollierten Region zudem die Zusicherung erhalten, dass internationalen Ermittlern ein "sicherer Zugang" zur Absturzstelle des malaysischen Flugzeugs garantiert werde.

Bislang hatte die Regierung in Kiew massiv bezweifelt, dass die Aufständischen ein Interesse an der Aufklärung des Unglücks haben. Waffen-Experten gehen davon aus, dass das Flugzeug von einer Boden-Luft-Rakete vom Typ SA-11 des Flugabwehrsystems Buk abgeschossen wurde. Dieses wiederum könne nur "von Russland in die Hände der Separatisten gelangt" sein, ist US-Außenminister John Kerry überzeugt.

Von der Absturzstelle in der Ostukraine werden zudem Plünderungen gemeldet. Eine BBC-Reporterin kam unfreiwillig in den Besitz sensibler Unterlagen: Ein Helfer händigte ihr die Brieftasche eines niederländischen Opfers aus, die er in einem Feld gefunden hatte. Ob diese Dokumente sich irgendwann in dem offiziellen Untersuchungsbericht wiederfinden, erscheint zumindest fraglich.

Dabei wäre es eigentlich "von enormer Bedeutung" für die angereisten Luftfahrt-Experten, dass das Trümmerfeld in seinem Originalzustand bleibt. Das sagt Germout Freitag, Sprecher der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig, die zwei Mitarbeiter in die Ostukraine entsandt hat. Wichtig sei es zudem, die Flugschreiber sowie den sogenannten "Cockpit Voice Recorder" möglichst bald auszuwerten und mit Augenzeugen zu sprechen.

"Mister Putin, bringen Sie meine Kinder nach Hause"

Für Empörung sorgen hierzulande aber nicht nur die Zustände am Absturzort, sondern auch der Umgang mit den Toten, für deren Bergung in Deutschland laut Innenministerium die örtlichen Behörden zuständig sind. Polizei und Feuerwehr sichern die Absturzstelle im Normalfall recht schnell ab. In der Ostukraine dagegen wurden unter den Linsen zahlreicher Kameras Leichenteile in schwarze Säcke gestopft und mit Lastern an den Bahnhof von Tores gebracht, weil dort Waggons stehen, die gekühlt werden können. Wie die Nachrichtenagentur AFP meldet, sei von einer Kühlung der sterblichen Überreste aber nichts zu merken gewesen - entgegen der bisherigen Darstellungen der Aufständischen.

Die Bilder des Kühlzuges sind für die Angehörigen der Passagiere und der Crew unerträglich. In Trauer und Schock mischen sich längst Verzweiflung und Wut. Auch vier Tage nach dem Unglück fragen sich viele Familien, wann ihre Angehörigen endlich nach Hause kommen, vor allem in den Niederlanden, von dort stammen 193 der 298 Opfer.

Zum Ausdruck kommt das etwa im Aufschrei von Silene Frederiksz, die ihren 23-jährigen Sohn Bryce und dessen Freundin Daisy verlor. Beide waren auf dem Weg in den Bali-Urlaub. "Mister Putin, bringen Sie meine Kinder nach Hause," flehte die Mutter aus Rotterdam im niederländischen Fernsehen. Die Vorstellung, dass die sterblichen Überreste ihrer Liebsten seit Tagen irgendwo liegen, dass sie hin- und hergeschleppt werden, ist für sie unerträglich. "Es ist respektlos, mir fehlen die Worte."