Nach Amoklauf in Winnenden Die Statistik des Leids

Amokläufer wählen ihre Schule als Tatort aus, weil sie das Gefühl von Kontrollmangel wettmachen wollen - und weil sie dort große Verletzungen erfahren haben.

Eine Außenansicht von Frank Robertz

Kann man Leid in Zahlen fassen? Es ist die Aufgabe der Kriminologie, dies zu versuchen: Sie muss mit Hilfe von Analysen vorangegangener Taten Entwicklungsbedingungen herausarbeiten, Möglichkeiten der Prävention und Intervention entwickeln und für Vorbeugung werben. Dieser Weg erweist sich als beschwerlich, da Polizei und Psychologie ihn zwar als positiv wahrnehmen, jedoch ausgerechnet Schulen deutliche Zurückhaltung üben. Dabei sind gerade sie von Amokläufen betroffen. Schulen werden gezielt als Tatort gewählt. Sie sind der "Ort der größten Kränkung", an dem jugendliche Täter demonstrativ ihre subjektive Handlungsunfähigkeit und das Gefühl von Kontrollmangel vor den Augen der Weltöffentlichkeit wettmachen wollen.

Um das Phänomen einzugrenzen und Wege zur Prävention zu weisen, wurde eine Analyse der weltweit bis Ende 2006 aufgetretenen Fälle durchgeführt. Sie belegt, dass derartige Taten bereits seit 1974 auftreten, jedoch seit 1999 stark zunahmen. 99 Taten waren bis zu diesem Zeitpunkt weltweit zu verzeichnen, davon 74 in den USA, sechs in Kanada und sechs Deutschland. In Deutschland treten sie erst seit 1999 auf, also 25 Jahre nach den USA und Kanada. Andererseits haben die USA weit mehr Einwohner als Deutschland, so dass hierzulande im statistischen Vergleich bereits schon ein Drittel so viele Taten stattgefunden haben, wie sie in den USA verzeichnet wurden. Ein wahrhaft besorgniserregender Trend, dem leider seit dem 11. März ein weiterer deutscher Fall hinzugefügt werden muss.

Das Durchschnittsalter der Täter liegt bei knapp 16 Jahren; nur vier der Taten weltweit sind von Mädchen verübt worden. Dies ist nicht nur typisch für sogenannte School Shootings, sondern auch für schwere Gewaltkriminalität generell. Das hat vielfältige Ursachen. Wesentlich sind dabei einerseits gesellschaftliche Identifikationsfiguren, andererseits aber auch gehirnorganische Grundlagen. So sind Frauen viel eher und effektiver in der Lage, soziale Beziehungen herauszubilden, die einen wesentlichen schützenden Faktor gegen Gewaltausübung darstellen.

In 87 Prozent aller Fälle wurden Schusswaffen gebraucht. Auch Klingenwaffen und Sprengstoffe gewinnen jedoch zunehmend an Bedeutung. Vor allem in den letzten 10 Jahren ist eine starke Überbewaffnung festzustellen. Die jugendlichen Täter führen weit mehr Waffen mit sich, als sie nutzen können. Auch das ist wohl als weiteres Symbol zu sehen. Die Täter demonstrieren damit ihre Potenz und Kontrolle. Sie gehen mit aller verfügbaren Macht in ihren letzten Kampf, um es der Welt zu zeigen.

Dieser Kampf endet in drei Viertel aller Fälle mit ihrer Festnahme, zu einem Viertel mit ihrem Suizid. Die Selbstmorde im Anschluss an School Shootings haben in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Es gehört mittlerweile, zynisch gesagt, zum guten Ton, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen und sich nicht der Strafverfolgung auszusetzen. Denn dadurch würde die finale Symbolik geschwächt.

Verletzt wurden bei diesen Taten zu je einem Drittel nur Schüler, nur Schulpersonal oder Schüler und Schulpersonal gemeinsam. Die im Durchschnitt 1,3 Toten und 3,2 Verletzten pro Tat stehen im krassen Widerspruch zu jenen fünf Taten, bei denen mehr als zehn Menschen ihr Leben lassen mussten. Darunter fällt die Tat von Winnenden ebenso wie die von Erfurt.

Doch es lassen sich auch andere Gemeinsamkeiten finden: Die Täter orientieren sich deutlich an der Ausgestaltung und Vorgehensweise ihrer Vorgänger. Sie gleichen beispielsweise Kleidung und Waffen aneinander an. Trenchcoat und dunkle Kleidung sind mittlerweile Signaturzeichen von School Shootern geworden. Sie posieren sogar in ähnlicher Weise mit Waffen im Internet und nutzen Jahrestage vorangegangener Taten, um ihre eigenen Tötungsabsichten umzusetzen.

Vor allem die Jahrestage von sehr aufsehenerregenden Taten, so etwa die von Columbine, Erfurt und Emsdetten, werden bevorzugt von Nachahmungstätern, aber auch Trittbrettfahrern genutzt. Stets handelt es sich um eher introvertierte Jugendliche, die soziale Brüche und Verlusterfahrungen erleben mussten und sehr empfindlich auf diese Ereignisse reagiert haben. Kurz vor der Tat gibt es oft ein Ereignis, das als schwere persönliche Niederlage erlebt wurde, und den Taten ging jeweils eine Grübelphase voraus, in der auf verschiedenste Art Hinweise auf die Tat gegeben wurden. Alle verfügbaren Studien belegen auch: Diese Taten geschehen nicht plötzlich, sondern sind im Vorfeld erkennbar.

Es kommt darauf an, die Warnsignale zu erkennen und den Jugendlichen dann auf dreifache Weise zu begegnen. Weitere Informationen müssen gesammelt werden, Normen des Zusammenlebens müssen verdeutlicht werden, vor allem aber muss den Jugendlichen klargemacht werden, dass ihre im Vorfeld subjektiv unlösbar erscheinenden Probleme nicht unlösbar sind. Sie müssen begreifen, dass ihnen von diesem Zeitpunkt an Erwachsene zur Seite stehen - nicht um zu strafen, sondern um auch Hinweise zu geben auf die Lösung der immer gleichen Kernprobleme: Wege zu Anerkennung, Kontroll-Erleben, sozialen Bezugspersonen, Einbindung in die Gesellschaft und Umgang mit Kränkungen. Schwere, zielgerichtete Gewalt ist immer die allerletzte Option für diese Jugendlichen, also muss ihnen eine Alternative aufgezeigt werden. Das können Schulpsychologen, jedoch auch Lehrer tun, die das Wohlergehen ihrer Schützlinge ernst nehmen.

Auch wenn aus diesen Daten, ebenso wie aus der präzisen Analyse von Ermittlungsakten, Urteilen, Gutachten und Gesprächen mit überlebenden Tätern, viel gelernt werden kann, können auch perfekt recherchierte und wissenschaftlich interpretierte Zahlen das Leid nicht ausdrücken, das aus dem Amoklauf eines Jugendlichen an seiner Schule erwächst. Es geht hier nicht nur um die zu Tode gekommenen oder angeschossenen Opfer. Hunderte Menschen werden durch ein derartiges Ereignis traumatisiert.

Das Trauma reicht vom Hausmeister, der die Leichen identifiziert, über die Schulgemeinschaft und ihre Angehörigen bis hin zur irrationalen Angst eines 12-jährigen Kindes vor einem möglichen Amokläufer in seiner Schule. Viele der Betroffenen leiden ihr Leben lang an den Folgen. Wann übernehmen unsere Schulen also endlich die Verantwortung und betreiben eine konsequente Prävention? Ausgefeilte Fortbildungsangebote gibt es genug; sie müssen allerdings genutzt werden.

Tod, Trauer und viele offene Fragen

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