Münchner Kardinal Marx "Der Nachfolger Petri kann kein Monarch sein"

Erzbischof Reinhard Marx beim Interview im Büro seines Kardinals-Amtssitzes in der Innenstadt von München.

(Foto: dpa)

Den Vatikan weniger Hofstaat sein lassen, Zuständigkeiten neu überlegen, Skandale aufarbeiten: Münchens Kardinal Marx fordert in einem bemerkenswerten dpa-Interview Veränderungen innerhalb der katholischen Kirche - und kritisiert die Vermögensverteilung in Deutschland.

Das Interview im Wortlaut.

dpa: Dem neuen Papst fliegen die Herzen zu. Sein einfaches Auftreten kommt an. Ist das nicht indirekt eine Kritik an seinem Vorgänger? War Benedikt zu abgehoben?

Kardinal Reinhard Marx: Jeder muss seinen authentischen Stil finden. Ich freue mich, dass der neue Papst so gut ankommt, aber er wird auch unangenehme Entscheidungen fällen müssen, die nicht allen gefallen werden. Wie ich ihn kennengelernt habe, möchte er sich nicht absetzen von seinem Vorgänger, sondern er will seine pastoralen Erfahrungen aus Buenos Aires mit in den Petrusdienst einbringen. So wie zuvor Benedikt seine theologischen Erfahrungen eingebracht hat.

Werden Sie weiterhin den Kontakt zu Benedikt halten? Haben Sie ihn nach Bayern eingeladen?

Ich glaube, wir aus Bayern sollten den Kontakt halten. Er ist interessiert an dem, was in Bayern und vor allem auch in seinem Heimatbistum passiert. Ich werde mich darum bemühen, dass es weiterhin einen lebendigen, freundschaftlichen Kontakt mit ihm gibt.

Unter Benedikt stand Deutschland im Zentrum der Weltkirche und rückt jetzt an den Rand. Gibt das den Ortskirchen mehr Freiheiten?

Das glaube ich nicht, aber das Verhältnis normalisiert sich etwas. Es war eine Ausnahmesituation, aber Deutschland stand ja nicht wirklich im Zentrum aller weltkirchlichen Ereignisse - das schien allenfalls manchen hierzulande so. Benedikt XVI. hat sich nicht als ein speziell deutscher Papst verstanden, wollte sich nicht festlegen lassen in einer Verengung auf seine Herkunft.

Franziskus betont, dass er der Bischof von Rom ist. Viele sehen darin ein bescheideneres päpstliches Amtsverständnis. Könnten sich daraus ökumenische Fortschritte in Deutschland ergeben?

In der Lehre ändert sich dadurch ja nichts. Bischof von Rom zu sein ist das Fundament des Papstamtes. Aber im Ausfüllen des Papstamtes können neue Zeichen gesetzt werden. Da bin ich froh, dass er das Bischofsamt herausstellt. Dass er betont, Bischof von Rom zu sein, erleichtert den Zugang zu den Orthodoxen. In der Begegnung mit dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel hat er ihn nach der Amtseinführung als seinen "Bruder Andreas" begrüßt. Was Benedikt XVI. theologisch vorbereitet hat, wird hier zeichenhaft deutlich: Es ist ein neuer, innovativer Stil, wenn er als "Petrus" seinen "Bruder Andreas" begrüßt. Damit ist man verbal auf Augenhöhe.

Der "Papst der Armen" lebte in Buenos Aires in einem kleinen Appartement statt im Palast der Erzdiözese. Der Bischof von Limburg hat sich für mehrere Millionen Euro einen neuen Bischofssitz gebaut. Müssen Bischöfe und Gläubige in Deutschland ihre Lebensweise überdenken und auf Reichtum verzichten?

Ich glaube schon, dass ein Papst, der so handelt wie Franziskus, uns herausfordert. Eine solche heilsame Beunruhigung aus Rom nehme ich an und überprüfe auch: Was müssen wir verändern in unseren Lebensverhältnissen? Ich arbeite und wohne hier in dem erzbischöflichen Haus, das nicht uns gehört, sondern seit 200 Jahren vom Staat den Erzbischöfen angewiesen ist als Dienst- und Wohnsitz. Darin habe ich eine Drei-Zimmer-Wohnung für mich persönlich. Da denke ich, das kann so bleiben. Aber wir dürfen Franziskus auch nicht nur als "Papst der Armen" betrachten.

Sondern?

Er ist Papst für alle. Jesus war auch nicht nur für die Armen da. Er wollte deutlich machen: Wenn wir uns in unserer Lebenswelt so einrichten, dass wir die Armen nicht mehr im Blick haben, nicht von ihnen aus auf die Welt schauen, dann haben wir die Welt nicht richtig verstanden.