Mord an Elfjähriger aus Emden Wenn der Mob tobt

Sie wollten ein vermeintliches Monster hängen sehen: Im Internet und vor der Emder Polizeiwache rasteten die selbsternannten Rächer der elfjährigen Lena aus und drohten dem jungen Verdächtigen mit Lynchjustiz. Dabei waren sie es, die den Boden der Menschlichkeit verließen. Man sollte sich für sie schämen - jedoch nicht, ohne sich selbst zu prüfen.

Ein Kommentar von Tanjev Schultz

In Emden ist ein elfjähriges Mädchen ermordet worden, und ein Mob hat deshalb einen 17-Jährigen bedroht. Die Ermittler haben ihn offenbar zu Unrecht verdächtigt, aber auf den Schutz durch die Unschuldsvermutung kann heute leider niemand mehr vertrauen.

Im Internet und vor der Polizeiwache rasteten die selbsternannten Rächer aus, drohten mit Lynchjustiz, verbreiteten Name und Adresse des Jungen. Sie wollten ein vermeintliches Monster hängen sehen. Dabei waren sie es, die den Boden der Menschlichkeit verlassen haben. Tun sie es nicht selbst, muss man sich für sie schämen.

Vielleicht sollte man sich aber auch selbst prüfen. Wäre die Entrüstung über den Mob wirklich genauso groß, wenn der 17-Jährige den Mord doch begangen hätte? Als rechtsstaatlich geerdeter Bürger sähe man das Treiben auch dann mit Abscheu. Doch in diese Abscheu könnte sich der Zweifel schleichen, wie man denn selber reagieren würde, lebte man in der Nähe des Tatorts oder wäre ein Angehöriger des toten Mädchens?

Polizei und Justiz können irren, aber sie dürfen sich nicht beirren lassen: nicht von dem Druck, der auf ihnen lastet, bei Morden und Sexualverbrechen an Kindern sofort einen Täter zu präsentieren. Und nicht von einer Öffentlichkeit, die ihr Urteil bereits fällt, sobald irgendwo die Handschellen klicken.

Der Rechtsstaat muss die Menschen auch vor sich selbst und ihrem Rachedurst schützen, vor dem Verderben, das dieser Affekt der Zivilisation bereiten kann. So wie Odysseus sich freiwillig an einen Mast fesseln ließ, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen, bindet sich der Bürger an die Gesetze und die Verfahren der Justiz. Sie zügeln ihn, und sie machen ihn frei.