Von Von Peter Bäldle

Auf der Suche nach der neuen Weiblichkeit: Die Mailänder Modeschauen.

Mailand - Senza le donne, ohne die Frauen, geht bei Mailands Designern gar nichts mehr! Dabei sind nicht jene Frauen gemeint, für welche sie die Mode der kommenden Herbst/Wintersaison 2005/06 entwerfen, sondern die Designerinnen, die nun ihre männlichen Kollegen mit Power-Kollektionen das Fürchten lehren. Denn die erste Halbzeit der Mailänder Designer-Präsentationen ging klar an Miuccia Prada und Consuelo Castiglioni, deren "Marni"-Kollektion mittlerweile strahlender Fixstern am italienischen Modehimmel ist.

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Dabei schien die Aufgabenstellung klar umrissen zu sein: Es galt, einen neuen Ausdruck für Weiblichkeit zu finden. Jenes "je ne sais pas quoi" - ich weiß nicht was, das Marlene Dietrich schon im "Blauen Engel" als Rätsel aufgab. Und das scheint bis heute nicht leichter zu lösen zu sein. Den Weg dorthin versuchte man jedenfalls über neue Weiten und Volumen zu finden.

La Castiglioni zeigte ihn bei Marni mit weichen, lässigen Tulpenröcken, zu denen sie weite Baby-Doll-Hängerchen kombinierte mit hochgelegter Taillennaht unter kurzen Zeltjacken. Empirekleider in Spindelform wiederholten die neue Linie. Dazu traten knielange Kuppelröcke in Kontrast aus standhaftem Ottoman, der silbern unter grauen Filzmänteln hervorschimmerte. Obwohl Commedia-dell'Arte-Rauten zu rubinroten Zickzackmustern belegten, welch glänzende Koloristin die Designerin ist, schienen doch die farbenfrohen Tage in Mailands Mode gezählt zu sein.

Schuld daran hat nicht zuletzt Miuccia Prada, welche Schwarz, die Farbe des Scherenschnitts, wählte, um ihre Kollektion als Lehrstück für Silhouetten zu präsentieren. Mit sicherer Hand und weichen, dennoch standhaften Stoffen zitierte sie die großen Namen der Pariser Couture. Ein Kleid mit Tulpenrock erinnerte an Balenciaga, eine Jacke mit Fichu-Kragen an Christian Lacroix. Mit einem kurzen Cape aus schimmernden Hahnenfedern verwies sie auf Yohji Yamamoto, dicht gesetzte Ösen brachten Azzedine Alaia ins Spiel. Kastige Filzmäntel hingegen zierten große Applikationen aus Wollspitze in Form marokkanischer Handamuletts.

Wehmütiger Frauenversteher

Auch Christopher Bailey hatten es kalte Tage in Marrakesch angetan, die er mit dem wehmütigen Flair vergangener Hippie-Zeiten umgab. Der junge Brite, der für Burberry entwirft, ist ein wirklicher Frauenversteher, dem es gelang, dem Spiel mit den Weiten, Volumen und hohen Taillen noch zusätzliche Facetten abzugewinnen. So zeigten feinplissierte Zeltkleider Empiretaille unter Hirtenjacken aus Lammvelours mit Posamenteriebesatz. Und Dirndlröcke mit tiefen Kellerfalten aus dickem Wollflanell wirkten very british zu pellerinenkurzen und -weiten Tweedjacken mit Saumvolants. Schals mit kleinen Troddeln, Quasten und silbernen Münzen an den Kanten brachten sie nach Marokko zurück.

An ein fernes, märchenhaftes Russland mochte man hingegen bei Alberta Ferretti denken, die ihre mädchenhaften Prinzess-Mäntel mit Pelz verzierte. Kurze Schoßtaillenspenzer begleiteten Kuppelröcke, zu denen hochhackige Stiefel mit halbhohem Schaft perfekte Begleiter waren. Der Designerin, durchaus eine Trumpfkarte im neuen Mailänder Spiel, gelang es sogar, Teepuppenkleider gut aussehen zu lassen, obwohl deren Kugelröcke mit dichtgesetzten Streifenrüschen Wespennestern glichen.

Kleiner Muck in langen Hosen

Dass das Spiel mit der neuen Weiblichkeit seine Tücken hat, sah man ausgerechnet bei Giorgio Armani. Zwar schien dem Meister perfekt geschnittener, klarliniger Anzüge der neue, kurvenreiche Zuschnitt sichtlich Spaß zu machen. Ob kniefreie Kürbisshorts zu knapp taillierten Spenzerjacken aus Samt auch seinen Kundinnen gefallen, wird sich erst später herausstellen. Gewöhnungsbedürftig waren auch schmale Röcke mit eingeschlagenem Saum und knielange Ballonhosen aus Taft, die an das Märchen vom kleinen Muck denken ließen.

Hoch elegant hingegen waren abgeschrägte Röhrenhüte, zu denen gut die Musik mit ihren Tangos und Mambos passte. Als zum Finale aber homerisches Gelächter vom Band erschallte, beschlich einen das Gefühl, dass das neue Frauenbild für Mailands Primus inter Pares vielleicht noch ein ungelöstes Rätsel gewesen sein mochte.

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(SZ vom 24.2.2005)