Von Bernd Graff

Der Verkleinerungswahn hat das Fernsehen erfasst, doch so richtig funktioniert Handy-TV noch nicht - ein leidvoller Feldversuch

Der Mensch ruht nicht, bis er alles klitzeklein gemacht hat. Die Welt und ihre Dinge mögen riesig sein. Und die Taten der Menschen gewaltig. Doch bezwungen, wirklich bezwungen sind Welt und Dinge erst, wenn sie in die Hosentasche passen. Gut: Autos und Fußballstadien und texanische Cowboyhüte sind auszunehmen.

Anzeige

Aber sonstiger technischer Fortschritt will sich in Miniaturisierung äußern. Man denke nur an die Notebooks, deren Tastatur mit Lupe und Zahnstochern zu bedienen ist. So traf es, das musste kommen, jetzt auch das Fernsehen.

Das Fernsehen, so lautete mal ein sentimentaler Spruch, ist ein Fenster zur Welt. Das brummende Wirtschaftswunderdeutschland konnte, weil ja vor lauter Wirtschaftswunderbetriebsamkeit sonst kaum etwas ging, aus diesem Fenster heraus Dinge sehen, die es noch nie gesehen hatte - die ganze Welt eben, und seit der Mondlandung auch noch mehr. Nach Belieben war dieses Fenster zu öffnen, zu schließen und auf beliebige Programm-Panoramen zu richten.

Im Grunde genommen war schon das eine unerhörte Miniatur der Ereignisse. Doch der Mensch in seinem Verkleinerungswahn, er ruhte nicht. Denn die Flimmerkiste stand unverrückbar wie ein Aquarium im Wohnzimmer, nur ab und zu stiegen darin Blasen auf, das waren die Talkshows mit Sabine Christiansen. Und so nimmt es nicht wunder, dass der Schrumpfungswahn auch hier ansetzte, zumal mobile Menschen ihr Weltfenster immer dabei haben wollten. Und so tüftelten denn Ingenieure und Techniker und Salesmanager und Marketingexperten bis zur letzten Woche. Und siehe da . . .

Das Guck- und Lauschpaket

Es musste erst ein Prozess gewonnen werden. Denn kaum waren die innovativen Kräfte mit ihrer Fernsehschrumpfung fertig, stellten sie fest: Uuupps, es gibt jetzt zwei konkurrierende Systeme. So geschah es denn, dass die Einführung des Mobilfernsehens fürs Handy in Deutschland mit einem Rechtsstreit begann, den das Verwaltungsgericht Stuttgart Anfang Mai mit einer Eilentscheidung beendete. Eilentscheidung deshalb, weil man das Handy-TV unbedingt noch vor der Fußball-Weltmeisterschaft am Start haben wollte.

Bei dem Streit ging es um das Recht, die Sende-Frequenzen für mobiles Fernsehen nach dem neuen DMB-Standard nutzen zu dürfen. DMB steht für "Digital Multimedia Broadcast", ein Format für Bewegtbild und Radio, das digital terrestrisch ausgestrahlt wird. Denn Handy-TV wird nicht wie bei UMTS über das Mobilfunknetz, sondern über Fernsehantenne übertragen.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Guckloch zur Welt
  2. Seite 2
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Der Trauertänzer

"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...