Mobile Sterbehilfe in den Niederlanden Tod auf Abruf

In den Niederlanden stehen unheilbar Kranken nun mobile Sterbehilfe-Teams zur Verfügung - sie kommen zu Sterbewiligen nach Hause, wenn der Hausarzt die Tötung verweigert. Gegner sprechen von einem menschenverachtenden Angebot.

Von Thomas Kirchner

Das niederländische Sterbehilfe-Gesetz, seit knapp zehn Jahren in Kraft, ist das liberalste der Welt. Es stellt Ärzte straffrei, die Sterbewillige auf Verlangen töten. Doch nicht jeder Sterbewunsch wird erfüllt, auch weil Ärzte, die sich weigern, nicht gezwungen werden können. Um diese Lücke zu schließen, stehen von Donnerstag an sechs ambulante Sterbehilfe-Teams bereit. Sie bestehen jeweils aus einem Arzt und einer ausgebildeten Pflegekraft, die zu Sterbewilligen nach Hause kommen. Parallel dazu wird in Den Haag eine sogenannte Lebensendeklinik eröffnet, die unheilbar Kranke aufnimmt sowie Menschen, die zu Hause nicht sterben können oder wollen.

Beide Initiativen gehen von der Niederländischen Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende (NVVE) aus, der mit etwa 130.000 Mitgliedern weltgrößten Sterbehilfe-Organisation. Kranke oder deren Angehörige können Anfragen telefonisch oder per E-Mail stellen, dann besuchen die Teams den Patienten, wenn dessen Sterbewunsch die Vorgaben erfüllt. Laut Gesetz muss er unheilbar krank sein, unerträglich leiden und den Sterbewunsch freiwillig, deutlich und mehrmals geäußert haben.

Eine Spritze, die Atmung und Herzschlag stoppt

Die Teams suchen zunächst den Hausarzt auf, der die Tötung verweigert, fragen nach den Beweggründen. Manchmal habe der Arzt Angst, so NVVE-Sprecherin Walburg de Jong, manchmal habe er religiöse oder ethische Motive. Und manche Ärzte wüssten nicht, was das Gesetz zulasse. Dann versuche man, sie aufzuklären. Blieben sie bei ihrer Weigerung, konsultiere das Team, wie vorgeschrieben, einen zweiten Arzt, und leite dann die Tötung ein. "Erst geben sie dem Patienten eine Spritze, die ihn in einen tiefen Schlaf versetzt, dann folgt eine zweite Spritze, die die Atmung und den Herzschlag stoppt."

Man werde sich streng an die Regeln halten, beteuerte Jan Kuyper von der Stiftung Lebensendeklinik bei der Vorstellung des Konzepts. "Es geht nicht darum, die Grenzen auszuloten." Es sei durchaus möglich, dass das mobile Team am Ende keine Sterbehilfe leiste. Ohnehin werde jeder Fall der Überprüfungskommission vorgelegt, die aus einem Arzt, einem Juristen und einem Ethiker besteht. Eines der Teams besteht aus einem 67 Jahre alten pensionierten Arzt, der in seiner Laufbahn etwa 20 Tötungen auf Verlangen vornahm, sowie einer Krankenschwester. Wegen der psychischen Belastung und um einen "Tunnelblick" zu vermeiden, würden die Teams nur einen Tag pro Woche eingesetzt, so Kuyper. Das Angebot ist vorerst kostenlos.

"Fehlgeleitetes Verständnis von Autonomie"

In den Niederlanden werden jährlich etwa 2300 Menschen auf Verlangen getötet, eine Zahl, die sich durch das Gesetz von 2002 kaum geändert hat. Gegner der liberalen Sterbehilfe-Praxis behaupten indes, die wahre Zahl sei höher, weil viele Fälle nicht gemeldet würden. Die niederländische Ärztevereinigung, die die Sterbehilfe im Grundsatz befürwortet, sieht die NVVE-Ideen kritisch. Der Name Lebensendeklinik wecke falsche Erwartungen, weil er auch Lebensmüde anspreche, die nicht wirklich krank seien. Auch mischten sich die Euthanasie-Helfer in die wichtige Beziehung zwischen Hausarzt und Patient ein.

In Deutschland, wo die Tötung auf Verlangen strafbar ist, äußern sich Sterbehilfe-Gegner erwartungsgemäß entrüstet über die niederländischen Nachbarn. Von einem "menschenverachtenden Angebot" spricht die Deutsche Hospiz Stiftung, von einem "fehlgeleiteten Verständnis von Autonomie" die Aktion Lebensrecht für Alle.