Misshandlungen durch drogensüchtige Eltern Kokain im Kinderhaar

Bei zwei Kleinkindern aus Bremen haben Ärzte schon im Februar Drogenrückstände nachgewiesen. Erst jetzt wird der Fall bekannt und die Diskussion um verwahrloste Kinder neu flammt wieder auf. Wie soll man mit dem Nachwuchs von Süchtigen umgehen?

Von Ralf Wiegand

Wohl in keiner anderen Stadt in Deutschland könnte eine solche Meldung nachhaltigere Wirkung erzielen als in Bremen. Ein Junge, gerade mal ein Jahr alt, wird mit Schädelbruch in ein Krankenhaus gebracht, nach Angaben der Mutter ist er vom Sofa gefallen. Die Ärzte glauben ihr nicht und erstatten Anzeige. Heraus kommt: Das Kind stammt aus einer drogensüchtigen Familie. In der Haarprobe des Buben und in der seiner dreijährigen Schwester werden später Drogenrückstände gefunden.

In Bremen weckt dieses Geschehen, das sich schon im Februar abgespielt hat, aber erst jetzt öffentlich wurde, schlimmste Erinnerungen. Am 10. Oktober 2006 wurde dort die Leiche des zweieinhalb Jahre alten Kevin gefunden, zu Tode misshandelt von seinem schwer drogenabhängigen Ziehvater. Auch in Kevins Haaren wurden Drogen nachgewiesen. Seitdem hat die rot-grüne Regierung der Hansestadt viel zur Sicherung des Kindeswohls getan, sie hat den Etat dafür verdoppelt. Aber immer wieder kreist die Debatte um einen Punkt: Wie geht man mit Kindern von Süchtigen um? Bei den Eltern lassen oder "fremdplatzieren"?

Die Gefahr für den Nachwuchs hat die Bremer Sozialbehörde gerade selbst dokumentiert. In einem bundesweit einmaligen Screening unter ein bis zehn Jahre alten Kindern von aktenkundig drogensüchtigen Eltern stellte sich nur ein Drittel der entnommenen Haarproben als unbelastet heraus. Etwa ein Drittel deutete auf den Kontakt mit Drogen hin, die aber nicht in den Stoffwechsel geraten waren. Beim letzten Drittel könnte der Kontakt mit Drogen intensiver gewesen sein. In absoluten Zahlen: Zusammen mit den obligatorischen Haaranalysen in konkreten Verdachtsfällen in Bremen und der aktuellen Reihenuntersuchung sind seit Jahresanfang 88 Kinder von süchtigen Eltern untersucht worden - 69 Haarproben waren positiv. 13 Kinder wurden daraufhin aus den Familien genommen.

Heroin, Kokain, Cannabis oder Methadon: Alles, was Erwachsene nehmen, fand sich auch in Kinderhaaren. Wie es dorthin gelangt, ob über Hautkontakt durch Schweiß der Eltern oder tatsächliche Einnahme, etwa zur Ruhigstellung, verraten die Proben nicht. Der aktuelle Fall des schwer verletzten Einjährigen hat die Debatte um den Umgang mit solchen Drogenkindern aber neu entfacht. Für die Gesundheitsexpertin der CDU, Rita Mohr-Lüllmann, ist es dabei "unerheblich, ob die Kinder die Drogen von außen aufgenommen haben - es bleibt ein brandgefährliches Umfeld." Sie fordert, "Kriterien für die Elternfähigkeit" festzulegen, nach denen der Verbleib der Kinder im Elternhaus geklärt werden kann.

Eine generelle Entnahme aus Suchtfamilien, wie sie immer wieder gefordert wird, sei aber schon aus rechtlichen Gründen nicht möglich, sagt Bernd Schneider von der Sozialbehörde Bremen: "Kein Gericht stimmt dem nur aufgrund einer Haarprobe zu." Dennoch seien die Analysen für die Sozialarbeiter wichtig, die in den Krisenfamilien nicht mehr mit Unterstellungen arbeiten müssten, sondern schwarz auf weiß belegen könnten, dass mit Drogen im Umfeld der Kinder hantiert würde. Jedes Ergebnis werde mit den Eltern besprochen. Jeder Einzelfall müsse aber auf mehrere Kriterien geprüft werden, ehe schwerwiegende Konsequenzen gezogen würden: "Für die Kinder ist es immer ein Trauma, aus der Familie genommen zu werden."

Einig sind sich die Parteien aber im Ziel ihrer Politik: Ein Fall Kevin darf sich nicht wiederholen.