Missbrauchsskandal Schleppende Aufarbeitung an der Odenwaldschule

Vorbildlich wollte die hessische Odenwaldschule ihren Missbrauchsskandal aufarbeiten. Zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden der systematischen Übergriffe sind die Fraktionen zersplittert, die Schülerzahlen eingebrochen. Und der Druck aus der Politik wächst.

Von Tanjev Schultz

Schleppend statt mustergültig: die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals an der hessischen Odenwaldschule. (Archivbild vom August 2011)

(Foto: dpa)

Die Odenwaldschule wollte ein Vorbild für Aufklärung sein, so hatten es ihre Vertreter einmal versprochen. Das war vor zweieinhalb Jahren, als das große Ausmaß an sexueller Gewalt ans Licht kam, unter dem die Schüler des traditionsreichen Internats in Heppenheim gelitten hatten. Doch dann gestalteten sich die Aufklärung und das Ringen um Entschädigung zäh und für viele Betroffene enttäuschend. An diesem Freitag will der hessische Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet (Grüne) neuen Schwung in den Prozess bringen und sich mit Vertretern der Schule und der Opfer an einen Tisch setzen.

"Es wird viel übereinander geredet, aber nicht konstruktiv miteinander", sagt Bocklet. Er vertritt die Petition einer ehemaligen Schülerin. Sie spreche von einer "Vertuschungsphase" 1998/99, die bisher kaum aufgearbeitet sei. Damals waren Missbrauchsfälle bereits publik geworden, die Schule hatte jedoch nicht oder nur halbherzig reagiert und die Betroffenen hingehalten, bis schließlich die juristische Verjährung eintrat. Die Übergriffe von Lehrern ereigneten sich laut einem Bericht, den zwei von der Schule eingesetzte Ermittlerinnen erstellten, überwiegend in den siebziger und achtziger Jahren. Opfer-Vertreter gehen von einer hohen Dunkelziffer und weit mehr Betroffenen aus als den 132 ehemaligen Schülern, die sich den Ermittlerinnen offenbart haben.

Die Schule plant im November eine Tagung zur Aufarbeitung ihrer Geschichte. Wissenschaftler sollen beauftragt werden, die Zeit zwischen 1998 und 2010 zu untersuchen. Die Rede ist von einem "langen, gemeinsamen Weg", den die Schule mit den Betroffenen noch vor sich habe.

Für Ausgleichszahlungen wurde die Stiftung "Brücken bauen" gegründet. Nach Angaben eines Wirtschaftsprüfers hat sie bisher 274.000 Euro an ehemalige Schüler ausgezahlt. In den vergangenen Monaten gab es jedoch immer wieder Streit mit der Opfer-Vereinigung "Glasbrechen", die selbst Geld von der Schule verlangt, um Betroffenen helfen zu können. Zwischenzeitlich gab es auch Ärger wegen unsensibler Gespräche und Briefe, durch die sich Betroffene vor den Kopf gestoßen fühlten. Glasbrechen spricht von einer "grundsätzlich opferverachtenden Haltung".

Uneinigkeit unter den Schülern

Beklagt wird von Glasbrechen, dass die Schule nicht mit einer Stimme spreche. Neben der Stiftung gibt es einen Altschüler- und einen Trägerverein, die Schulleitung sowie das traditionell mächtige Kollegium. Leiterin der Schule ist seit vorigem Jahr die Pädagogin Katrin Höhmann. Ihre Vorgängerin Margarita Kaufmann, die sich 2010 als unbelastete Schulleiterin dem Missbrauchsskandal gestellt hatte und sich damals im Namen der Schule bei den Opfern entschuldigte, beendete vor wenigen Tagen ihre Arbeit für die Odenwaldschule.

An dem privaten Internat brachen 2010 und 2011 die Schülerzahlen ein. In früheren Jahren besuchten stets mehr als 200 Schüler das Internat, die Zahl sackte zum Ende 2011 auf weniger als 150. Dazu kamen noch einige Externe, die den Unterricht besuchen, aber nicht auf dem Gelände wohnen. Im vorigen Jahr hatte die Schule fast hundert Vollzeitstellen für Mitarbeiter; auf jeden kamen im Schnitt weniger als zwei Schüler. Nicht nur Außenstehende fragten sich, wie lange das ökonomisch gut gehen kann. Das Internat nennt seine Lage indes "erfreulich stabil"; auch die Schülerzahl sei auf gleichem Niveau geblieben. Das Internat verfügt über Reserven jenseits der Schulgelder von mehr als 2000 Euro im Monat. Trotz des Missbrauchsskandals floss voriges Jahr nach SZ-Informationen eine Spende von mehr als 100 .000 Euro, die aus einem Nachlass stammte.

"Familienprinzip" in der Kritik

Die Odenwaldschule galt früher als ein Leuchtturm der Reformpädagogik. Nach Bekanntwerden der Übergriffe begann bundesweit eine Diskussion über das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz im Schulleben. Dabei wurde auch das "Familienprinzip" an der Odenwaldschule kritisiert: Traditionell sind dort die Lehrer zugleich auch Erzieher in den Wohnhäusern; sie leben dort mit den Schülern. Höhmann kündigte an, überall werde ein Vier-Augen-Prinzip eingeführt. Ihr wurde ein Internatsleiter an die Seite gestellt, der "Rollenklarheit" erreichen will. Jugendämter schicken im Rahmen der Jugendhilfe auch Kinder aus schwierigen Verhältnissen auf das Internat. Der Kreis Bergstraße, in dem es liegt, hat diese Praxis jedoch nach Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe gestoppt.

In Hessen wächst auch von anderer Seite der Druck auf die Odenwaldschule. Nach Angaben des Abgeordneten Bocklet hat vor wenigen Tagen der Jugendhilfe-Ausschuss des Landes einstimmig beschlossen, dass die Tätigkeiten von Lehrern und Erziehern in Internaten strikter getrennt werden müssten.