Bei Betroffenen von sexueller Gewalt im Bereich von Institutionen wie der katholischen Kirche kommt zum eigentlichen Verbrechen die zweite Tat durch die Institution hinzu. Diese hat in der Vergangenheit gar nicht oder nicht adäquat auf Rückmeldungen von Opfern reagiert. Dieses zweiten Verbrechens werden sich die nun erwachsenen Opfer aber erst im Zuge der Aufdeckung und des Sprechens über den Missbrauch bewusst.
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Zu erfahren, dass "meine" beiden Täter vor mir und nach mir jeweils Dutzende andere Jungen missbraucht haben, hat mich mehr geschockt als alles andere. Mein Schicksal war also nicht willkürlich oder zufällig, sondern Teil eines kompletten institutionellen Versagens. Die Vorgesetzten dieser Männer hätten meinen Missbrauch verhindern können. Doch die Täter wanderten ins innerkirchliche Täterschutzprogramm für gefallene Mitbrüder. Sie wurden unauffällig versetzt, um dann andernorts weiterzumachen wie zuvor. Die Opfer wurden alleine gelassen.
Mächtige Helfer auf Seiten der Kirche
Das ist ein zweites Verbrechen. Denn es bedeutet, man hat mir und Tausenden anderen die Chance geraubt, sich als junger Mensch mit der Missbrauchserfahrung auseinanderzusetzen und fachliche Hilfe zu erhalten. Stattdessen mussten wir verwundet und blind durch unser Leben stolpern. Dieses infame Verbrechen macht mich bis heute sehr wütend. Zur heilenden Dimension des Sprechens gehört daher die Auseinandersetzung mit der Institution. Dies trifft in besonderem Maße auf die katholische Kirche zu, weil in ihrem Bereich sehr viele Serientäter über sehr lange Zeiträume ungestraft (nicht unerkannt!) agieren konnten.
Die Art und Weise, wie die Kirche heute mit dem offenbar Gewordenen umgeht, hat daher hohe emotionale Bedeutung für die Betroffenen. Sie beobachten auch, dass die Täterschutzprogramme weltweit nach dem gleichen Muster abliefen. Sie sehen sich dabei einer machtvollen, transnationalen religiösen Konzernstruktur gegenüber.
Schließlich hat das Sprechen über den Missbrauch im Bereich der katholischen Kirche immer auch mit der Religion zu tun. Sie war das Einfallstor für den Täter, sie bot ihm die Anbahnungsmöglichkeiten. Im Opfer wurde oft das Gefühl für Religiosität beschädigt oder zerstört. Das Schweigen der Opfer im Bereich der Kirche war auch deshalb so anhaltend, weil kaum ein anderer Täter so mächtige Helfer auf seiner Seite hat wie den lieben Gott und seine irdischen Stellvertreter.
Deshalb nehmen viele, aber nicht alle Betroffenen nach wie vor Anteil an den Diskussionen innerhalb der katholischen Kirche, auch wenn sie ihr gar nicht mehr angehören. Für mich ist dies sicher ein Motiv, weshalb ich mich entschieden habe, Mitglied der Kirche zu bleiben. Ich will denen, die dort diese bitter notwendige Aufarbeitung für das "Geschwätz des Augenblicks" halten, nicht das Feld überlassen. Trotz alledem.
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(SZ vom 28.01.2012/jkz)
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