Missbrauchsskandal in Braunau Inzest-Verdacht gegen 80-jährigen Österreicher

Ein 80 Jahre alter Österreicher soll seine geistig zurückgebliebenen Töchter vier Jahrzehnte lang gefangen gehalten und sexuell missbraucht haben. Wieder scheint niemand etwas bemerkt zu haben - nicht einmal die rechtlichen Vormunde der beiden Frauen.

Von Michael Frank, Wien

In Österreich gibt es einen neuen Fall von Missbrauch, der Assoziationen an das Kellerverlies des Josef Fritzl in Amstetten wachruft. In der 2400-Einwohner-Gemeinde St. Peter am Hart im Bezirk Braunau (Innviertel) soll ein Mann seine beiden Töchter über 41 Jahre lang in einem winzigen Raum eingesperrt, sexuell drangsaliert und vergewaltigt haben. Auch die vor drei Jahren gestorbene Mutter der Familie war offenbar sexuellen Gewalttaten des Ehemannes ausgesetzt.

Die Familie bewohnte, obwohl ihr ein ganzes Haus zur Verfügung stand, darin nur einen kleinen Raum. Motiv für die Enge war offenbar, dass der Vater alle Familienmitglieder stets unter Beobachtung halten wollte. Der Polizei Oberösterreich zufolge verbot er seinen Töchtern jeden sozialen Kontakt zur Außenwelt. Nachbarn sahen die Töchter, die heute 45 und 53 Jahre alt sind, allenfalls einmal ums Haus gehen. Gespräche oder andere Kontaktaufnahme gab es fast nie. Der Vater ist heute 80 alt. Er bestreitet alle Vorwürfe. Der Polizeichef des Bezirks sowie die Sicherheitsdirektion des Bundeslandes Oberösterreich in Linz halten die Aussagen der beiden Töchter jedoch für "schlüssig und glaubwürdig".

Als Mädchen hatten sie Schule und Sonderschule besucht, ohne dass jedoch den Personen in ihrem Umfeld irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen wäre. Dann verschwanden sie gleichsam aus dem öffentlichen Gedächtnis. Lediglich die Behörden hatten hin und wieder Kontakt, denn die dann erwachsenen Frauen wurden wegen mangelnder Geschäftsfähigkeit unter öffentliche Betreuung gestellt. Sie seien "geistig ziemlich zurückgeblieben", sagte ein Polizeisprecher. Dass sie zu Hause einem immerwährenden Martyrium des gewalttätigen Vaters ausgesetzt waren, ahnte jedoch offenbar niemand.

Ein später Widerstandsversuch brachte die Verhältnisse nun ans Licht. Als der Vater seine ältere Tochter im Mai erneut vergewaltigen wollte, setzte diese sich zur Wehr, wie die Polizei mitteilte. Dabei kam der 80-jährige zu Fall und verletzte sich so, dass er nicht mehr aufstehen konnte. Die Töchter sagten aus, dass sie ihn in der Hoffnung liegen ließen, er würde bald sterben. Doch nach zwei Tagen riefen sie eine Betreuerin, die für seinen Transport ins Krankenhaus sorgte. Dieser Frau vertrauten sich die Töchter schließlich an.

Der Vater hatte die Familie offenbar über Jahrzehnte hinweg derart eingeschüchtert, dass Mutter und Töchter keinen Fluchtversuch unternahmen. Die Töchter mussten laut Polizei über Jahre auf einer kleinen Holzbank in der Küche schlafen. Der Vater habe ihnen wiederholt mit Stöcken oder der Mistgabel gedroht, sie umzubringen. Als die Mutter 2008 starb, nahm sie den Töchtern offenbar das Versprechen ab, niemandem etwas über die Taten des Vaters und die Umstände ihres Lebens zu verraten. Dass die gesetzlichen Vertreter der Frauen nie etwas bemerkt haben wollen und niemals von ihnen angesprochen wurden, wirft Fragen nach der Intensität und Qualität der Fürsorge auf, zumal diese ja juristisch nicht den Eltern anvertraut worden war. Die Behörde rechtfertigt sich mit dem Argument, dass die Frauen offensichtlich nicht eingesperrt gewesen seien.

Die Töchter würden nun in einer sozialen Einrichtung betreut, teilte ein Polizeisprecher mit. Der Vater befinde sich derzeit in einer Klinik. Zu seinem Geisteszustand könnten noch keine Angaben gemacht werden. Das Bezirksgericht Braunau erwirkte bereits eine Einstweilige Verfügung gegen ihn, die ihm eine Rückkehr in sein Haus verbietet und jeglichen Kontakt mit seinen Töchtern untersagt. Die Staatsanwaltschaft Ried hat die weiteren Ermittlungen aufgenommen.