Missbrauchs-Aufklärung in katholischer Kirche Transparenz und rückhaltlose Aufklärung wollen auch die Forscher

Psychologen, Kriminologen, ein Altersforscher - das Konsortium zeige, dass diesmal der Ansatz breiter gewählt sei als beim ersten Versuch, sagt Ackermann. "Zahlen und Akten sind eben nicht alles", ergänzt Dreßing. Das sehen viele Experten so - dahinter steckt aber auch das Eingeständnis, dass man wohl nie aus den Akten die genaue Zahl der Täter und Opfer wird erfahren können, zumal sich die Gerüchte halten, auch in jüngster Zeit seien in einigen Bistümern gegen den Wunsch der Bischofskonferenz Akten vernichtet worden.

Das Projekt ist auf dreieinhalb Jahre angelegt, die Bischofskonferenz finanziert es mit knapp einer Million Euro. Es läuft in mehreren Phasen ab. Zunächst wollen die Forscher den Zustand der Überlieferung sichten: Was ist da, was wurde vernichtet, wie aussagekräftig sind diese Akten? Dann erst durchforsten von den Bistümern zusammengestellte Teams die Akten, übermitteln anonymisiert die Daten ans Forscherteam. Auch diesmal lassen nur neun Bistümer alle Akten von 1945 an durchforsten, die anderen erst von 2000 an.

Die Lücken seien zu verschmerzen, sagen die Wissenschaftler, man rechne eben hoch. Parallel dazu sollen mindestens 100 intensive Interviews mit Opfern und 70 mit Tätern geführt werden. Von diesen Gesprächen erhoffen sich die Forscher vor allem Erkenntnisse darüber, in welchen Beziehungen Täter und Opfer standen, welche Rolle die Institution Kirche spielte, wie beide Seiten die Tat sahen und sehen, welche Wirkungen sie auf das weitere Leben hatte.

Viele Fragen der Opfer

Zusätzlich will das Team Strafakten bei den Gerichten auswerten, um herauszubekommen, wie unterschiedlich Kirchen, Schulen, Vereine auf Missbrauchsfälle reagiert haben. Schließlich wollen die Forscher sammeln und auswerten, was es bislang an vergleichbaren Untersuchungen gibt, in den USA und den Niederlanden zum Beispiel, aber auch die Berichte aus dem Benediktinerkloster Ettal beziehungsweise den Schulen der Jesuiten. "Wir wollen Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche - um der Opfer willen, aber auch, um selbst die Verfehlungen zu sehen und alles dafür tun zu können, dass sie sich nicht wiederholen." So sagt es Bischof Ackermann an diesem Morgen.

Ja, Transparenz und rückhaltlose Aufklärung, das wolle man, betont auch Professor Dreßing. Und die Unabhängigkeit der Forschung? Die Journalistenfrage kommt schnell, schließlich war das vor einem Jahr Pfeiffers härtester Vorwurf an die Bischöfe. Ja, man sei unabhängig, sagt Dreßing. Die Bischöfe seien lediglich Geldgeber - "sie werden nicht anders behandelt als andere Drittmittelgeber". Man habe gelernt, sagt Ackermann.

Wäre es nicht besser, dies alles zu lassen und die Million einfach den Opfern zu spenden? Ein Journalist fragt das, die Herren auf dem Podium sehen sich an und sind sich einig: Nein, gerade die Opfer wollten endlich die Aufarbeitung, eine Erklärung, warum geschehen konnte, was ihnen geschah. Wie wichtig den Betroffenen diese Aufarbeitung ist, zeigt sich daran, dass sofort ihre Kritik kommt: Warum öffnen nicht alle Bistümer ihre Archive bis 1945? Warum werden die Orden ausgespart? Und können Bistümer auch diesmal einfach nicht mitmachen? Und Sitz und Stimme im Beirat fordern sie in einer gemeinsamen Erklärung. Aber das ist jetzt ja versprochen.