Missbrauchs-Aufklärung in katholischer Kirche Zweiter Anlauf, neue Enttäuschung

Warum wurden Priester zu brutalen Tätern, die unschuldigen Kindern so viel Leid zufügten? Die neue Kommission soll Antworten finden.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Aufklärung, jetzt aber richtig? Die katholische Kirche hat mit langem Vorlauf eine neue Expertengruppe zusammengestellt, die Missbrauchsfälle in 27 deutschen Bistürmern aufarbeiten soll. Die Opfer sind trotzdem alles andere als erleichtert.

Von Matthias Drobinski

"Die Opfer sind die eigentlichen Experten", sagt Professor Harald Dreßing. Deshalb sollten ihre Geschichten gehört werden. Deshalb sollten sie im Beirat mitarbeiten, bei der Entwicklung der Forschungsinstrumente und erst recht später bei der Interpretation dessen, was in der katholischen Kirche geschah: warum Kinder und Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt wurden, warum die Täter geschützt, warum Priester und Ordensleute zu Tätern wurden und was die Taten bis heute für die Opfer bedeuten.

Nur: Die Betroffenen, die im Mittelpunkt stehen sollen, sitzen an diesem Montag nicht vorn auf dem Podium in Bonn. Sie sind sauer und enttäuscht: "Ein Jahr hat es gedauert, bis nun ein Forscherteam vorgestellt wird - mit uns hat in dieser Zeit niemand den Kontakt gesucht", sagt Matthias Katsch von der Betroffenen-Vereinigung Eckiger Tisch. Es holpert auch beim zweiten Anlauf der katholischen Bischöfe, die Missbrauchsfälle in den 27 deutschen Bistümern wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Der erste war vor gut einem Jahr krachend gescheitert. Die Bischöfe hatten Christian Pfeiffer beauftragt, den Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Er sollte möglichst alle Personalakten der Bistümer sichten und aufarbeiten. Doch viele dieser Akten waren - durchaus bestimmungsgemäß - vernichtet, viele Bistümer fürchteten um den Datenschutz.

Wie aussagekräftig sind diese Akten?

Als es dann noch Streit um die Frage gab, wie unabhängig Pfeiffer würde forschen und veröffentlichen dürfen, endete das Projekt im Krach. Auch deshalb fiel es der Bischofskonferenz nicht leicht, einen Nachfolger zu finden. Mancher Forscher soll regelrecht den Anruf gefürchtet haben: Zu heikel erschien der Auftrag, zu uneins schienen die Bischöfe zu sein, zu groß die Gefahr, in den nächsten Konflikt zu geraten.

Nun immerhin sind die Wissenschaftler gefunden, ein Team aus sieben Professoren; drei Konsortien immerhin hatten sich dann doch beworben. Stephan Ackermann, der Bischof von Trier und Beauftragte für Missbrauchsfälle der Bischofskonferenz, stellt sie und das Projekt vor. Federführend ist der Psychologe Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, der sich bislang als Experte für Stalking-Fälle profiliert hat; hinzu kommen der Kriminologe Dieter Dölling von der Uni Heidelberg und ebenfalls aus Heidelberg der Gerontologe Andreas Kruse, bekannt als Autor des Altenberichts des Bundestags.