Missbrauch in der katholischen Kirche Wenn der Wunsch nach Kontrolle die Aufklärung behindert

Der Streit über das Forschungsprojekt zu Missbrauch in der katholischen Kirche eskaliert immer mehr - und könnte demnächst vor Gericht weitergeführt werden. Der Chef des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, Christian Pfeiffer, spricht von "Zensurwünschen" der Kirche. Deren Anwalt wiederum wirft Pfeiffer vor, mit forschen Briefwechseln das Verhältnis zerrüttet zu haben.

Von Roland Preuß und Matthias Drobinski

Christian Pfeiffer spricht heute von einem "tragischen Missverständnis". Die katholische Kirche habe geglaubt, sich einer wissenschaftlichen Aufarbeitung ihrer Missbrauchsfälle stellen zu können - und dennoch die Kontrolle zu behalten. Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) spricht deshalb von "Zensurwünschen", an denen das gemeinsame Forschungsprojekt gescheitert sei. Der Streit wird nun voraussichtlich vor Gericht ausgetragen werden. Die Bischofskonferenz ließ ihm eine Unterlassungserklärung zukommen, in der Pfeiffer zusichern soll, den Vorwurf der Zensur nicht zu wiederholen. "Die werden wir natürlich nicht unterzeichnen", sagt Pfeiffer.

Damit bahnt sich eine weitere Eskalation an in der Zerrüttungsgeschichte, die der Kirche bereits reichlich Kritik eingetragen hat. Selbst der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK), Alois Glück, nannte das Scheitern der KFN-Studie einen "außerordentlich schädlichen Vorgang". Dem SWR sagte Glück, er erwarte von der nächsten Sitzung der Bischofskonferenz Ende Januar, dass dort der "Aufklärungswillen" bekräftigt werde. Wie das Projekt weitergehen soll, ist noch unklar.

Die Auseinandersetzung, die nun ein Fall für die Justiz werden könnte, dreht sich um die Nachforderungen zu einem Vertrag, den das KFN und die Kirche im Juli 2011 geschlossen hatten. Das KFN sollte mit Hilfe externer Mitarbeiter die Kirchenarchive auf Missbrauchsfälle hin durchsuchen, sowie Angaben mit Fragebögen und Interviews sammeln. Pfeiffer stützt seine Vorwürfe auf Vertragsentwürfe der Bischöfe vom Mai und Juni 2012. Die sahen vor, dass die Ergebnisse der Studie nur mit Zustimmung der Kirche veröffentlicht und neue Mitarbeiter des Projekts nur mit Zustimmung der Kirche eingestellt werden dürfen.

Der Wunsch nach mehr Kontrolle kam vor allem vom Erzbistum München-Freising. Den Kern des Vertragsentwurfs hatte Marion Westpfahl formuliert, die für das Erzbistum im Jahr 2010 die Personalakten nach Missbrauchsfällen durchforstet hatte - allerdings eben nicht als unabhängige Wissenschaftlerin, sondern im Auftrag des Münchner Kardinals Reinhard Marx. Im Sekretariat der Bischofskonferenz heißt es, von solchen Forderungen hätte man sich längst verabschiedet gehabt. Pfeiffer hätte lediglich Veröffentlichungen ankündigen müssen.

Doch selbst die letzten Vorschläge der Bischofskonferenz offenbaren den Willen zur Kontrolle. Beide Seiten, so heißt es dort, sollten bei einem Dissens über die Darstellung der Ergebnisse das Recht erhalten "in dem betroffenen Medium" der anderen Partei zu widersprechen. Wie aber sollte das gehen? Weder der Bischofskonferenz-Vorsitzende Robert Zollitsch noch der KFN-Chef Pfeiffer können Zeitungen oder Sender dazu zwingen, die abweichende Meinung der anderen Seite zu verbreiten - so ist das nun einmal mit der Pressefreiheit. Als Beleg für die Annäherung verweist die Kirche auf einen Vertragsentwurf vom Oktober. Der jedoch stammt vom KFN - und wurde von der Kirche überhaupt nicht mehr diskutiert.

Brief des Anstoßes

Dies bestätigt auch der Anwalt der Kirche, Andreas Brand. Ende Oktober sei das Verhältnis zu Pfeiffer bereits zerrüttet gewesen "durch die Schreiben" des Institutsdirektors. Gemeint ist ein Brief Pfeiffers vom 22. Oktober an alle Bischöfe, in dem er nochmals um das Projekt wirbt - allerdings mit einer klaren Grenzziehung: "Eine Zensur durch die Katholische Kirche kann und wird es in diesem Projekt nicht geben". Der KFN-Direktor erwähnt in dem Brief Hinweise, dass Täterakten aus Kirchenarchiven vernichtet oder entfernt worden seien - und bittet um "eine gründliche Überprüfung" seiner Hinweise. Er wäre "sehr erleichtert", wenn sich die Informationen als falsch herausstellen sollten. Pfeiffer legt einen eigenen Vertragsentwurf bei.

Es ist dieser Brief, der nun wesentlich für die Zerrüttung verantwortlich gemacht wird. Pfeiffer habe dort die einflussreichen Diözesen München-Freising und Regensburg offen für Verzögerungen verantwortlich gemacht. Und er habe sich direkt an alle Bischöfe gewandt - sein Vertragspartner aber war der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD). Doch der kann, wie Pfeiffer feststellen musste, die Diözesen zu nichts verpflichten. Der Ton der Briefes ist durchaus forsch - aber sicher nicht unverschämt.

Pfeiffer spricht den Münchnern den Aufklärungswillen nicht ab. Sie hätten nur ein "riesiges Kontrollbedürfnis", sagt er. Was die andere Seite mit dem Argument kontert: Wir waren eben misstrauisch geworden.