Missbrauch an Jesuitenschule Jetzt reden die Opfer

Bisher ist nur die "Spitze des Eisbergs" zu sehen: Der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg weitet sich aus - und auch an anderen Jesuitenschulen werden Vorwürfe laut.

Von Oliver Bilger

Es sei wohl erst die "Spitze des Eisbergs" zu sehen, sagt Pater Klaus Mertes noch immer. Auch fast eine Woche nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Berliner Jesuiten-Gymnasium Canisius-Kolleg ist das ganze Ausmaß noch immer nicht abzusehen. "Das, was bei uns sichtbar geworden ist, passiert auch an anderen Schulen, nicht nur an katholischen", erklärte Rektor Mertes. Mittlerweile sind fast 30 Opfer von drei Jesuitenpatres bekannt.

Ein ehemaliger Schüler des Bonner Aloisiuskollegs, einer von drei deutschen Schulen in Trägerschaft des Jesuitenordens, sagte der Süddeutschen Zeitung, er sei Anfang der sechziger Jahre von einem Pater missbraucht worden. In einem Haus der Jugendgruppe Bund Neudeutschland habe ihn ein Pater zu sich gerufen. Der Geistliche habe ihn aufgefordert, die Hose runterzuziehen und sein Geschlechtsteil angefasst, berichtet der heute 62-Jährige, der anonym bleiben wollte. "Aus Angst habe ich nie gesprochen." Auch habe er das Vorgehen damals "in gewisser Weise für normal gehalten". Der Pater sei verstorben.

Der Rektor des Bonner Kollegs, Pater Theo Schneider, hatte zuvor erklärt, ihm seien keine Fälle sexuellen Missbrauchs an seiner Schule bekannt. Schneider war am Mittwoch für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ein Sprecher des Jesuitenordens sagte, bislang sei ihm kein Missbrauchsfall in Bonn bekannt. Auch die vom Orden mit der Aufklärung beauftragte Anwältin Ursula Raue sagte, sie wisse davon noch nichts. Beide schlossen nicht aus, dass sich dies in Zukunft ändere.

Unterdessen stieß der Jesuitenorden auf einen dritten verdächtigen Pater. Der ehemalige Religionslehrer und Jugendseelsorger habe sich zu sexuellen Übergriffen bekannt und sich bei der Polizei angezeigt, teilte der deutsche Ordensvorsteher Stefan Dartmann mit. Zuvor sei er mit entsprechenden Aussagen von drei mutmaßlichen Opfern konfrontiert worden. Der Mann hatte Dartmanns Angaben zufolge 1970/71 als Lehrer am Berliner Canisius-Kolleg gearbeitet und war anschließend bis 1983 als Jugendseelsorger und Lehrer in Hannover, Hamburg sowie Berlin tätig. Die Entdeckung des Mannes basiere auf Vorfällen aus den siebziger Jahren in Hannover, erklärte Dartmann. Zudem meldete sich auch aus Hamburg ein Opfer zu Wort. Der Beschuldigte wurde jetzt vom priesterlichen Dienst suspendiert.

Zuvor waren Taten von zwei Patres bekannt, die in Berlin, später auch in Hamburg, St. Blasien, Hildesheim, Göttingen und im Ausland Kinder sexuell belästigt oder missbraucht haben sollen. Einer von ihnen hat die Übergriffe zugegeben. Mehrere Opfer am Canisius-Kolleg fordern inzwischen Schadenersatz und Einsicht in Schulakten. "Wir wollen Aufklärung", sagte Manuela Groll, Rechtsanwältin von drei Männern, die nach eigenen Angaben missbraucht wurden. "Dazu gehören Antworten auf die Fragen: Wer hat wann versagt? Und wen kann man zur Rechenschaft ziehen?" Sie prüfe eine Zivilklage auf Schadenersatz.