Peking - Der Skandal um vergiftetes Milchpulver in China weitet sich aus. Ein dritter Säugling sei gestorben, 6244 Babys seien erkrankt, sagte Chinas Gesundheitsminister Chen Zhu am Mittwoch in Peking. Damit hat sich die Zahl der Opfer seit Wochenbeginn vervielfacht, was jedoch nicht auf neue Erkrankungen, sondern auf die zögerliche Informationspolitik der Chinesen zurückzuführen ist. Die Regierung in Peking war diesmal erst aktiv geworden, nachdem die neuseeländische Ministerpräsidentin Helen Clark öffentlich auf erste Erkrankungen in Neuseeland hingewiesen hatte.

Mehr als 1300 der erkrankten Kinder seien noch im Krankenhaus, sagte Chinas Gesundheitsminister am Mittwoch. 158litten an "akutem Nierenversagen". Die Chemikalie Melamin, mit der in gepanschter Rohmilch ein höherer Proteingehalt vorgetäuscht werden kann, führt zur Bildung von Nieren- und Blasensteinen. Auch die Anzahl der in den Skandal verstrickten Unternehmen stieg sprunghaft an. In 69 von 491 Stichproben sei das giftige Melamin gefunden worden. Nicht nur der Marktführer Sanlu, sondern auch bekannte Markenproduzenten wie der Olympiasponsor Yili, Mengniu, Yashili und Bright Dairy seien betroffen, berichtete die staatliche Qualitätsaufsicht.

Anzeige

Wie am Mittwoch weiter bekannt wurde, hat China mit Melamin gestrecktes Milchpulver auch exportiert. Zuvor hatten Regierungsbehörden erklärt, dies sei nicht der Fall gewesen. Zwei Produzenten hätten verseuchtes Milchpulver nach Bangladesch, Burma, Burundi, Gabun und in den Jemen verkauft, hieß es nun plötzlich. Die Produkte würden zurückgerufen. Für Säuglinge in Deutschland bestehe aber keine Gefahr, sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Berlin der Nachrichtenagentur dpa. Es dürften grundsätzlich keine Milchprodukte aus China in die EU eingeführt werden.

Der illegale Einsatz von Melamin ist in Chinas Lebensmittelindustrie verbreitet. In regelmäßigen Abständen waren in den vergangenen Jahren Säuglinge zu Tode gekommen. Chinas Regierung schiebt die Schuld stets auf einige wenige "kriminelle" Milchhändler, so auch in diesem Fall. Vier Zwischenhändler seien jetzt verhaftet worden, berichten chinesische Staatsmedien. Ihnen droht die Todesstrafe.

Was Chinas von der Regierung gleichgeschaltete Medien nicht diskutieren dürfen, ist hingegen die regelmäßige Mitschuld der Regierung an diesen Säuglingstoden. Korrupte Kader vor Ort verzichten gegen Bestechungsgelder auf strikte Qualitätsuntersuchungen. Es gibt weder eine freie Presse, noch unabhängige Justizorgane. Erkrankungen und selbst Todesfälle können monatelang vertuscht werden, selbst wenn das den Tod weiterer Kinder zur Folge hat. Auch das war diesmal nicht anders. Beamte in der Stadt Shijiazhuang hätten den Skandal seit dem 2. August - also während der Olympischen Spiele in Peking - nicht gemeldet, sagte der Vizegouverneur der Provinz Hebei, Yang Chongyong, am Mittwoch. Der Produzent Sanlu, an dem die neuseeländische Firma Fonterra beteiligt ist, habe noch länger geschwiegen, so Yang.Henrik Bork

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Der Trauertänzer

"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...

(SZ vom 18.09.2008)