Mexiko Wahrheit? Welche Wahrheit?

Ein Expertenteam der Interamerikanischen Menschenrechtskommission prüfte den Fall der 43 verschwundenen mexikanischen Studenten ein Jahr lang. Die Polizei soll beteiligt gewesen sein.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

600 Seiten ist der Abschlussbericht zu den 43 vermissten mexikanischen Studenten dick. Er zeigt: Gar nichts ist erledigt.

Von Boris Herrmann

Vor mehr als anderthalb Jahren sind 43 mexikanische Studenten verschwunden. Vor einem Jahr wurden sie von offizieller Seite für tot erklärt - Fall erledigt. So ähnlich läuft das in Mexiko immer wieder ab. Regelmäßig verschwinden Menschen, ohne dass sie ernsthaft gesucht werden, bald geraten sie in Vergessenheit. Die 43 Lehramtsschüler der Escuela Normal Rural von Ayotzinapa sind nur die bekanntesten von 27 000 Vermissten und Verschwundenen in dieser sehr speziellen Demokratie. Die entscheidende Frage ("Wo sind sie?") wurde bis heute nicht beantwortet.

Die Behörden zeigten nicht nur "wenig Interesse", sie sollen die Aufklärung behindert haben

Trotzdem hat dieser weltweit aufsehenerregende Fall einiges aufgewühlt in Mexiko. Er lässt sich nicht wie üblich unter den Teppich kehren. Nicht nur die Angehörigen der Opfer wissen: Gar nichts ist erledigt. Das wird nun noch einmal auf beklemmende Weise im Abschlussbericht jenes Expertenteams der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) deutlich, das den Fall ein Jahr lang untersucht hat. In dem gut 600 Seiten dicken Report erheben die Ermittler wie erwartet schwere Vorwürfe gegen die mexikanische Polizei, das Militär und vor allem: gegen die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto. Demnach hätten die Behörden nicht nur "wenig Interesse" gezeigt, um neue Ermittlungsansätze zu verfolgen, sie hätten die Aufklärungsarbeit der internationalen Experten sogar aktiv behindert. Beweismittel seien verschwunden, Verdächtige hätten nicht verhört werden dürfen. Vor allem aber erhärtet dieser Bericht die erheblichen Zweifel an der offiziellen Version des Tathergangs. Demnach sind die Studenten in der Nacht des 26. September 2014 zunächst von Polizisten der Stadt Iguala verhaftet und dann an Söldner des Drogenkartells Guerreros Unidos ausgeliefert worden. Die hätten die jungen Männer mit Kopfschüssen getötet, ihre Leichen auf einer Müllkippe verbrannt und die Asche, die Zähne sowie die Knochenreste in einem Fluss entsorgt. Mexikos Generalstaatsanwalt bezeichnete das im Januar 2015 als "historische Wahrheit".

Für diese Wahrheit gibt es laut der CIDH-Kommission aber keinen wissenschaftlichen Beweis. Die Ermittler gehen von einer "Beteiligung oder Mitwisserschaft" von Teilen der Polizei und des Militärs aus. Sie beklagen etwa, dass ihnen nicht erlaubt worden sei, jene Soldaten zu interviewen, die in der Tatnacht offenbar Augenzeugen waren. Einige Bereiche der mexikanischen Behörden seien nicht an der Wahrheit interessiert, schlussfolgerte deshalb der Ermittler Alejandro Valencia bei der Vorstellung des Berichts. In einem Land, in dem Teile dieser Behörden traditionell in den Drogenhandel und die damit verbundenen sadistischen Verbrechen verstrickt sind, ist das keine allzu gewagte These.

Die Regierung Peña Nietos weist derartige Vorwürfe vehement zurück, man habe mit dem Expertenteam vielmehr gut kooperiert. Gleichwohl endet das unabhängige Expertenmandat mit der Vorlage des Abschlussberichtes vom Sonntag. Von nun an liegt der Fall wieder ganz in den Händen des mexikanischen Staates. Das birgt die Gefahr, dass die vielen offenen Fragen niemals beantwortet werden. Angesichts des weltweiten Medieninteresses ist es für Peña Nieto aber auch eine günstige Gelegenheit, endlich zu beweisen, dass er an der eigentlichen Wahrheit doch ein klein wenig interessiert ist.