Von Steffen Heinzelmann

Dick wie Sahne ist die Luft in Mexiko-Stadt. Deshalb will der Bürgermeister die Einwohner sattelfest machen - mit prominenter Unterstützung.

Die Kluft der neuen Revolutionäre auf dem Paseo de la Reforma verwirrt die Passanten. Statt Strumpfmasken und Plakate tragen die Abenteurer bunte Plastikhelme, über vielen Bäuchen spannt sich das Trikot eines europäischen Radsportteams.

Miss Universe Zuleyka Rivera aus Puerto Rico fährt seit Tagen öffentlichkeitswirksam durch die Stadt (© Foto: dpa)

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Es sind die Belächelten und Abgedrängten, die an diesem Sonntag die Prachtallee im Herzen der mexikanischen Hauptstadt für sich erobert haben: die Radfahrer. Von Sonnenaufgang bis zum Nachmittag bleiben der Paseo und mehrere Teile der historischen Innenstadt für Autos und Motorräder gesperrt.

Zwei Kreuzungen entfernt steht Marcelo Ebrard im Alameda-Park und spricht von Gleichheit, Freiheit, und der "Eroberung der Straße durch das Volk". Wenn der Politiker der linken Partei PRD in seiner Revolutionsrhetorik eine Pause macht und in der Mittagshitze durchatmet, dann klatschen die Zuhörer begeistert.

Ob Umweltverschmutzung, Verkehrschaos oder Übergewicht - Ebrard, seit Dezember Regierungschef des Bundesdistrikts, hat das Radfahren zum Allheilmittel für die 20 Millionen Einwohner seiner Stadt erklärt. An diesem Tag sind mehrere tausend Mexikaner zu den Feiern auf den freien Straßen im Zentrum gekommen.

Vier Millionen Autos täglich

Auch ohne Pathos ist der Blick auf Mexiko-Stadt düster: Die Atemluft gilt als eine der schlechtesten weltweit. An jedem Wochentag verstopfen vier Millionen Autos und Busse die Straßen, ihre stinkenden Abgase verursachen angeblich 80 Prozent der Luftverschmutzung in der Metropole. Der Smog, den die Hauptstädter "nata", also "Sahne", nennen, trübt den Blick auf die Berge um die Stadt.

Eine wichtige Rolle spielt deshalb Javier Hidalgo. Der PRD-Politiker leitet nicht nur das Jugendinstitut der Stadt, sondern hat am Rand der Alameda für seine "Schule für urbanes Fahrradfahren" ein großes Zelt aufgeschlagen. Dort verleihen Jugendliche an diesem Sonntag kostenlos 75 Fahrräder an Neugierige, die dafür Schlange stehen.

Nur 0,7 Prozent der "chilangos", wie die Hauptstädter genannt werden, nutzen ihr Fahrrad für den Weg zur Arbeit, sagt Hidalgo und erklärt: "Den meisten ist es zu gefährlich." Denn Rücksicht auf Radler nehmen die Autofahrer hier nicht, Fahrradwege sind eine Seltenheit. "Unser Etappenziel ist, ein Bewusstsein und Respekt für Fahrradfahrer zu schaffen", verspricht der Politiker.

Um das zu erreichen, radelte Stadtoberhaupt Ebrard gemeinsam mit der aktuellen Miss Universe aus Puerto Rico in den vergangenen Tagen möglichst öffentlichkeitswirksam durch die Stadt. Ebrard hat angekündigt, mit Weltbankkrediten das Netz der Radwege auf 300 Kilometer fast zu verdoppeln.

Beamte sollen aufs Rad umsteigen

Auch wird er im Zentrum und an Metrostationen neue Fahrradständer aufstellen lassen. Zudem will der Bürgermeister acht Prozent der 16.000 Beschäftigten in der Stadtverwaltung an Arbeitsplätze versetzen, die näher an ihrem Wohnviertel liegen - damit auch die Bürokraten öfter in den Sattel steigen. Und das Szenemagazin Chilango empfiehlt in seiner aktuellen Ausgabe modisch aufeinander abgestimmte Radhelme und Handschuhe. Motto: "Sag nein zum Auto!"

Im Vergleich dazu leistet Hidalgo in seiner Schule noch Basisarbeit. Mit Aktionen wie diesen wolle die Stadt den Anteil der Radfahrer am Verkehrsaufkommen auf fünf Prozent steigern, sagt er. "Unser Problem ist aber auch, dass viele Mexikaner gar nicht Fahrrad fahren können", erklärt der Linkspolitiker. Doch denen helfen die Jugendlichen an diesem Sonntag bei Hidalgos kostenlosem Verleih aufs Rad. Oft schieben sie Neuradfahrer ein paar Meter weit an, die eine Hand am Lenker, die andere am Sattel. Revolutionen benötigen eben oft einen leichten Anstoß.

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(SZ vom 15.05.2007)