Methadon-Tod einer Elfjährigen in Hamburg Abhängig in jeder Beziehung

Weil ihre Eltern Drogenprobleme hatten, kam Chantal in eine Pflegefamilie - wo es ebenfalls Drogenprobleme gab. Nachdem die Elfjährige an einer Überdosis Methadon gestorben ist, wird die Kritik an den Hamburger Behörden lauter. Wie konnte das passieren, trotz angeblich enger Betreuung?

Von Ralf Wiegand, Hamburg

Der Tod der elf Jahre alten Chantal weitet sich zu einem Skandal aus. Die Hamburger Schülerin, die einer Pflegefamilie lebte, war am Abend des 16. Januar an den Folgen einer Methadon-Vergiftung gestorben. Seit vergangenen Mittwoch ist bekannt, dass die Pflegeeltern jahrelang heroinabhängig waren und mit der Ersatzdroge Methadon behandelt wurden. 31 Tabletten hat die Polizei in einer Garage gefunden, eine weitere am Arbeitsplatz des Vaters. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht nun die Frage: Wieso konnte ein Kind, dem ein Amtsvormund zur Seite gestellt war, überhaupt in die Obhut substituierter Drogenabhängiger gegeben werden? Bisher will keine offizielle Stelle etwas von der Suchtproblematik des Paares bemerkt oder gewusst haben - obwohl es angeblich engmaschig betreut worden sei.

Wie konnte die Suchtproblematik in der Familie nicht auffallen? Nach Presseberichten war der Pflegevater sogar wegen Drogenhandels vorbestraft.

(Foto: dpa)

Laut Markus Schreiber (SPD), Leiter des zuständigen Hamburger Bezirksamts Mitte, gelte in den Sozialbehörden der Stadt "der Grundsatz: Kein Kind zu drogenabhängigen Pflegeeltern". Was im Falle Chantals schief gelaufen sei, müsse noch geprüft werden, sagte Schreiber und verwies vor allem auf noch ausstehende Berichte des Jugendamts. Chantal sei zwar schon zehn Tage tot, man wissen aber erst seit Anfang der Woche, woran sie gestorben sei, sagte Schreiber: "Ich bitte um Geduld."

Offenbar war die Familie umfangreich kontrolliert worden. Jedes der beiden Pflegekinder hatte einen Amtsvormund, um beide kümmerte sich je ein Sachbearbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes, dazu habe, so Schreiber, auch deren Vorgesetzter ein Auge auf die Kinder gehabt. Diese Amtspersonen hätten die Familie auch regelmäßig besucht, zuletzt sei jemand am 4. Januar dort gewesen. Chantal und ihre Pflegeschwester hätten dabei "ein Weihnachtsgedicht vorgetragen", sagt Schreiber. Von jener Verwahrlosung und den unhaltbaren Zuständen, welche die Rettungskräfte schilderten, als sie am 16. Januar zum Noteinsatz für Chantal gerufen wurden, wäre demnach nichts aufgefallen - oder die Lage müsste sich innerhalb von zwölf Tagen so verschlechtert haben, dass das Essen im Kühlschrank verschimmelte und die Eltern nicht einmal mehr Laken über die Betten der Kinder zogen. Das berichteten die Einsatzkräfte, die das leblose Kind ins Krankenhaus brachten, wo es später starb.

Drogenprobleme in zwei Generationen

In der Wohnung im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg lebten neben Chantal, ihrer 47 Jahre alten Pflegemutter und ihrem 51 Jahre alten Pflegevater noch zwei leibliche Kinder des Paares (zehn und 16 Jahre alt) sowie ihre achtjährige Enkelin. Für dieses Kind hatten die Großeltern bereits 2005 die Pflegschaft übernommen, weil sich die älteste Tochter, heute 27, nicht habe kümmern können. Angeblich hatte sie Drogenprobleme. Die Frau lebt in einer eigenen Wohnung, die die Polizei ebenfalls durchsuchte, dabei allerdings keinerlei Drogen oder Ersatzstoffe fand.

Auch Chantals leibliche Eltern waren abhängig, die Mutter vom Alkohol, der Vater von Drogen. Das Mädchen wurde schon 2008 in die Pflegefamilie gegeben; 2010 schließlich starb die leibliche Mutter. Betreut wurde die Pflegefamilie vom Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE), einem freien Trägerverein, der mit dem Jugendamt des Hamburger Bezirks Mitte kooperiert. Eine Frage ist nun auch, wer die Eignung der Familie überprüft hat: Wer Pflegschaften übernehmen will, muss neben polizeilichen Führungszeugnissen auch Gesundheitsatteste vorlegen - wie konnte da die Suchtproblematik in der Familie nicht auffallen? Nach Presseberichten war der Pflegevater sogar wegen Drogenhandels vorbestraft. Nachbarn berichteten gegenüber Medien, die Probleme der Familie seien bekannt gewesen. Außerdem hätten die Kinder nachts Zeitungen austragen müssen.