Menschenschlepper Mafia des Mittelmeers

"The Migrants' Files": Wo Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa ums Leben kamen
  • Menschenschlepper sind sehr oft Schuld am Tod von Flüchtlingen vor Europas Küsten.
  • Die Todesfälle sind dokumentiert in den "Migrants' Files", einem detaillierten Datensatz, erstellt von europäischen Journalisten.
  • Das Motiv der Schlepper ist ein rein finanzielles. Menschenschmuggel ist ein Geschäft, mit dem in einem Jahr bis zu acht Milliarden Euro Einnahmen erzielt werden.
Von Dominik Fürst

Am 10. September sterben etwa 500 Menschen im Mittelmeer, darunter Syrer, Palästinenser, Ägypter und Sudanesen. Sie sterben, weil sie sich nach vier Tagen auf See und drei Umstiegen weigern, in ein noch kleineres Boot zu wechseln, das die Flüchtlinge nach Europa bringen soll. Sie weigern sich, weil sie dieses vierte Boot für nicht seetauglich halten.

Das erzürnt die Schlepper, deren Geschäft es ist, verzweifelte Menschen aus Afrika nach Europa zu schleusen. Sie rammen das Flüchtlingsboot und lachen dabei. Das Boot sinkt, 490 Menschen gehen unter, sie gelten bis heute als vermisst. Zehn der etwa 500 Flüchtlinge werden von italienischen, griechischen und maltesischen Rettungskräften geborgen. Von ihnen stammen die Augenzeugenberichte dieses größten Flüchtlingsunglücks der vergangenen Jahre.

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Die "Migrants' Files" dokumentieren die Vorfälle

Der Vorfall vom 10. September ist nicht der Einzige, der die Skrupellosigkeit der Schleuser zeigt. Die Tragödien, an denen sie beteiligt sind, sind dokumentiert in den "Migrants' Files", einem ausführlichen und detaillierten Datensatz, erstellt von europäischen Journalisten, zu dem Süddeutsche.de nun mit neuen Recherchen für das Jahr 2014 beigetragen hat. Die Migrants' Files sind der Versuch, die vielen Tausend jährlichen Todesfälle von Flüchtlingen zu dokumentieren.

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Kanarische Inseln, Teneriffa, Sizilien, Lesbos - einerseits beliebte Tourismusgebiete, andererseits Ankunfts- und Transitort für Flüchtlinge. Ist es moralisch vertretbar, dort Urlaub zu machen, wo Flüchtlinge ankommen? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Dabei werden zahlreiche Ereignisse sichtbar, in denen Menschenschlepper leichtfertig, teilweise mutwillig den Tod der Flüchtlinge vor Europas Küsten verschuldet haben. Es beginnt mit ihren verantwortungslosen Methoden: Häufig kommen Menschen ums Leben, weil sie in viel zu kleinen Booten zusammengepfercht werden.

Am 21. September sterben mindestens zehn, wahrscheinlich aber 45 Flüchtlinge 50 Kilometer vor der libyschen Küste, weil ihr winziges Boot mit 100 Leuten schlicht überfüllt ist. Das gleiche Schicksal ereilt am 2. Juli 45 Flüchtlinge vor der Küste Siziliens. Vermutlich ersticken sie oder werden erdrückt, weil sie sich unter 600 Menschen auf einem Fischerboot drängen, das eigentlich nur 300 Leute fasst.

Der brutalste Vorfall ereignet sich am 19. Juli vor Lampedusa, der Insel, die ihre traurige Berühmtheit der profanen Tatsache verdankt, dass sie sich zentral auf halber Strecke zwischen Afrika und Europa befindet. Aus den "Migrants' Files" geht hervor, dass auf dieser Route die meisten Flüchtlinge ums Leben kommen.