Natürlich sind die meisten Menschen in Bangladesch entsetzt über diese Taten. Immer öfter gehen auch Prominente auf die Straße, um gegen den Wahnsinn zu demonstrieren. Aber auf dem Land herrschen alte Gesetze. Man rächt sich, wenn Mädchen einen Heiratsantrag ablehnen, wenn Familien die Mitgift nicht bezahlen, wenn um Grund und Boden gestritten wird.
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Monira Rahman kennt Fälle, in denen Männer ihre eigene Frau mit Säure überschüttet haben - um dem Nachbarn eins auszuwischen. "Was ist schon eine Frau, man kann sich jederzeit eine neue holen", sagt Monira Rahman.
So war es, so ist es. Und die Mädchen schweigen, wie sie es gelernt haben. Die meisten erstatten nie Anzeige.
Niemand weiß, wie viele starben
Außer, sie treffen auf Monira Rahman. Wer zu ihr kommt, lernt Gegenwehr. Seit fast zehn Jahren arbeitet sie mit den Säureopfern. Seit sie 1996 in den Krankenhausbetten der Hauptstadt erschreckend viele derart verstümmelte Frauen fand. Unbeachtet und oft unbehandelt. Abgeschobene Menschenwracks. Viele wurden nie in Krankenhäuser gebracht, anderen wurde nicht mal die Säure abgewaschen, weil die Landärzte überfordert waren. Niemand weiß, wie viele in ihren Hütten einen qualvollen Tod starben.
Es hat ja auch keinen interessiert. Bis Monira Rahman kam und anfing zu kämpfen. Sie hat dafür gesorgt, dass Ärzte im Ausland ausgebildet, dass neue Krankenstationen gebaut und Aufklärungskampagnen gestartet werden. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass Gesetze verändert und Polizisten darüber aufgeklärt wurden, dass es ein Verbrechen ist, wenn einer Frau so etwas angetan wird. Am Sonntag wird Monira Rahman dafür in Berlin der Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von Amnesty International bekommen.
Angst um die eigenen Kinder
"Warum ich das mache? Um meinem Leben einen Grund zu geben", sagt sie. "Und um von diesen Mädchen zu lernen. Wie sie erst um ihr Leben kämpfen, dann um ihre Würde, das ist sehr wichtig für mich." Am Anfang war es nicht einfach, allein gegen die Tradition. Oft hatte sie Angst um die eigenen Kinder. Ein Glas Säure bekommt man auch in Dhaka. Trotzdem hat sie weitergemacht, hat die Stiftung für Säureopfer gegründet, auf die Frauen eingeredet, hat ihnen gesagt, dass nicht sie sich für ihre Gesichter schämen müssen, sondern die Täter. Selbstverständlichkeiten, die keine waren.
Sorgen bereiten Monira Rahman die Männer. Diese verunsicherten, gefährlichen Männer, die nicht zurechtkommen mit der neuen Zeit, den neuen Frauen. Den Mädchen, die nicht mehr tun, was man ihnen befiehlt, nicht mehr alles glauben, was man ihnen sagt, die Geld verdienen und Selbstvertrauen haben. Frauen, die man nicht mehr mit einem Zahnputzglas dorthin zurückwerfen kann, wo sie herkommen - nach ganz unten.
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