Von Alexander Menden

Nach dem Behandlungsfehler eines deutschen Arztes geraten ausländische Mediziner in Großbritannien generell in die Kritik.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die britischen Medien nicht mindestens eine Story über den National Health Service (NHS), das steuerfinanzierte Gesundheitssystem des Landes, verbreiten. Meist sind es Horrorgeschichten über multiresistente Erreger in schlecht gesäuberten Krankenhäusern oder endlose Wartezeiten für Patienten, welche die Gemüter erhitzen. Doch der Fall des Vertretungsarztes Daniel U., den der Guardian Anfang dieser Woche als "Exklusivgeschichte" brachte, schlug besonders hohe Wellen.

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Ärzte aus dem Ausland bessern in Grßbritannien ihre Einnahmen auf. (© Foto: ddp)

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Der deutsche Doktor nigerianischer Herkunft verabreichte im Februar vergangenen Jahres einem 70-jährigen Patienten in Cambridgeshire das Zehnfache der empfohlenen Dosis eines Schmerzmittels. Der Mann starb daraufhin. U., hauptamtlich im nordrhein-westfälischen Witten als Schönheitschirurg tätig, flog kurz nach dem Vorfall wieder nach Deutschland zurück. Die britischen Behörden erließen einen Haftbefehl gegen den Arzt.

Daraufhin wurde in Deutschland ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Vergangenen März erließ das Amtsgericht Witten den Strafbefehl: Neun Monate Haftstrafe auf Bewährung und eine Geldstrafe von 5000 Euro. Daniel U. darf allerdings weiterhin praktizieren. Für seinen Anwalt Reinhard Schauwienold liegt das Problem in England selbst: "Die sollten lieber ihr marodes Gesundheitssystem überholen, statt unseren Mandanten anzuklagen", sagt der Jurist.

Desolater Zustand

Der Fall U. bestätigt auch nach Ansicht britischer Kommentatoren wie Fraser Nelson vom Spectator, in welch desolatem Zustand sich das "verschwenderische" britische System niedergelassener Internisten befindet. Warum, wird jetzt gefragt, müssen überhaupt Ausländer als Vertretung für General Practitioners (GPs) einfliegen?

Der Hauptgrund dürfte eine Reform der Arbeitszeit für GPs im Jahr 2004 sein. Damals wurde es Hausärzten freigestellt, sich gegen den Abzug von 6000 Pfund von ihrem Jahresgehalt von jeglicher Verpflichtung zu Bereitschaftsdiensten außerhalb der Praxiszeiten entbinden zu lassen. Neunzig Prozent aller GPs nahmen das Angebot an. Seitdem herrscht ein chronischer Mangel an qualifizierten Ärzten für Wochenend- und Nachtdienste.

Um diese Schichten abzudecken, müssen regionale NHS-Verbände auf private Firmen zurückgreifen, die auf die Vermittlung von Vertretungsärzten spezialisiert sind. Das Gros dieser Vertretungen kommt aus dem Ausland. Für deutsche Ärzte etwa sind die britischen Wochenenddienste - mit einem Stundenlohn von umgerechnet 80 Euro vor Steuer - eine Möglichkeit, ihre durch die Ausgabenbegrenzung im deutschen Gesundheitswesen wirtschaftlich in Schieflage geratenen Praxen mitzufinanzieren.

Toter bei der ersten Vertretung

Auch Daniel U., ein Chirurg mit immerhin 22 Jahren Berufserfahrung als niedergelassener Arzt, war dem NHS-Trust in Cambridgeshire von einer privaten Agentur vermittelt worden. Er war laut einem Entschuldigungsbrief, den er an die Familie des Verstorbenen schrieb, gestresst und übermüdet, als er in England seine erste Vertretungsschicht antrat.

Stephen Gray, Sohn des gestorbenen Patienten und selbst Arzt, kann die fatale Überdosierung dennoch nicht begreifen: "Selbst die Schwesternschülerinnen hier wissen, dass eine solche Menge tödlich ist", sagt er. Ihn verstört zudem, dass ein englischer Auslieferungsantrag überhaupt keine Aussicht auf Erfolg hat. Denn U. kann nach dem deutschen Strafbefehl aufgrund der europäischen Doppelbestrafungs-Gesetze in Großbritannien de facto gar nicht mehr belangt werden.

In den Internetforen britischer Zeitungen machen sich derweil viele Menschen Luft, die meinen, das britische Gesundheitssystem leide ganz allgemein unter der Masse von ausländischen Ärzten, die hier praktizieren. So beschwert sich Mike aus Dunstable auf der Website der Zeitung Daily Mail: "Ich habe Ärzte besucht, deren Englisch so schlecht war, dass ich sie mehrmals bitten musste, zu wiederholen, was sie gesagt hatten. Beim vierten Versuch verstand ich immer noch nichts!"

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(SZ vom 8.5.2009/vw)