"Wird er springen?": Die Newssender N 24 und n-tv berichten live über die Flucht des Dresdner Sexualstraftäters auf ein Dach.
Am Mittwochmorgen um halb acht kletterte der im Fall Stephanie angeklagte Mario M. auf das Dach des Dresdner Untersuchungsgefängnisses. Der 36-jährige Sexualstraftäter, dem seit Montag der Prozess gemacht wird, war beim Hofgang entkommen. Gegen elf Uhr verbreitete Reuters erste TV-Bilder von Mario M., wie er auf dem Gefängnisdach spazierte. Viele Nachrichtenredaktionen übernahmen das Agentur-Material, bis sie mit eigenen Teams vor Ort waren und Bilder produzierten, die an großes, absurdes Theater erinnerten. Der Name des Stücks: "Warten auf Mario M."
Bis die Dämmerung fällt: N-24-Studioleiter Lutz Stordel vor dem Dresdner Untersuchungsgefängnis (© Screenshot: SZ)
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Was macht der Peiniger von Stephanie auf dem Dach? Wie lange bleibt er dort noch? Und: Wird er springen?
Mit diesen Fragen schenkten insbesondere die privaten Nachrichtenkanäle n-tv und N 24 dem Mann auf dem Dach viel Aufmerksamkeit. Beide berichteten live und nahezu nonstop vom "Drama in Dresden". Das aus Berlin sendende N24 erhob die "peinliche Justiz-Panne" zum Tages-Thema und maß ihr weit mehr Bedeutung bei als der Wahlpanne von George W. Bush bei den US-Kongresswahlen. N 24-Sprecher Thorsten Pütsch: "Wir geben dem Zuschauer die Möglichkeit, live dabei zu sein." Der Stephanie-Prozess beschäftige ganz Deutschland.
Auch bei n-tv, dem Rivalen aus Köln, war man der Meinung, "dass das die Leute interessiert", sagt Stefan Altenburg, Leiter des News-Desk.
Spiel mit dem Nervenkitzel?
Es ist nicht zu bezweifeln, dass das Schicksal des Mädchens Stephanie, das wochenlang vom Angeklagten Mario M. misshandelt worden war, die Öffentlichkeit rührte. Es besteht auch kein Zweifel, dass sich mit Bildern eines auf einem Dach balancierenden Kriminellen Quote machen lassen kann. Spielen die News-Sender mit diesem Kitzel? Das könne man da reininterpretieren, sagt n-tv-Mann Altenburg. "Aber das ist nicht unsere Intention." Man wolle schlicht über den Fortgang der Geschichte um Stephanie berichten. Und, so Altenburg: "Wir zeigen die Live-Bilder nicht völlig unreflektiert." Für n-tv stand ein Reporter an der Dresdner Gefängnismauer und gab den Moderatoren im Kölner Studio Antwort, so gut es ging - Hubschrauber, die über der JVA kreisten, erschwerten die Kommunikation.
Auch die N 24-Moderatoren traten in steten Kontakt mit ihrem Reporter vor Ort. Im Berliner Studio saß ihnen der Psychologe Fredi Lang zur Seite und erklärte mehrmals: "Ich denke nicht, dass Mario M. wirklich springen will."
Immer präsent, falls es brennt: Wer von 14 Uhr an bei N 24 das Magazin Welt der Technik verfolgte, bekam auf dem geteilten Bildschirm zusätzlich einen Ausschnitt präsentiert mit der Bildunterschrift: "Live: Stephanie-Peiniger auf Gefängnisdach." Ein statisches Bild, an dem sich bis zur Dämmerung nichts änderte: Mario M.s Hosen flatterten im Wind, während er mit zwei Männern, die auf einer Hebebühne standen, auf Augenhöhe zu verhandeln schien. Auch n-tv wählte das Split-Screen-Verfahren.
RTL, das wie n-tv zur RTL-Group gehört, verzichtete auf eine Sondersendung. Man erachte den Vorfall als etwas, "das im Rahmen der nachrichtlichen Berichterstattung" berücksichtigt werde, hieß es aus dem RTL-Büro in Dresden. ARD und ZDF hielten es ebenso.
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(SZ vom 9.11.2006)
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