Massengrab in Mexiko Zeichen einer grausamen Macht

Mexikanische Beamte untersuchen das Massengrab in Guerrero.

(Foto: dpa)

Viele der in Mexiko verschleppten Studenten sind verbrannt worden, einer wurde sogar schrecklich verstümmelt. Solch sadistischer Terror ist eigentlich die Handschrift organisierter Drogenbanden. Doch was haben junge Lehramtskandidaten mit ihnen zu tun?

Von Peter Burghardt

Es wird immer grausamer und gruseliger in der Schlacht um Mexiko, die Brutalität kennt längst keine Grenzen mehr. Da verschwinden in einem der wichtigsten Industriestaaten der Welt auf einmal 43 Studenten. Erst werden die Demonstranten von Gemeindepolizisten beschossen, dann nehmen die Uniformierten sie mit. Nun tauchten verkohlte Leichen in versteckten Massengräbern auf. Die Reste von vorläufig 28 Toten wurden am Rande der Stadt Iguala im mexikanischen Bundesstaat Guerrero gefunden, die Zuordnung kann lange dauern. "Die Opfer wurden auf Zweige und Stämme gelegt und mit einer schnell entzündbaren Substanz bespritzt, also Diesel, Öl oder Benzin", berichtete der Staatsanwalt Iñaki Blanco. Aller Wahrscheinlichkeit sind darunter Vermisste dieser neuesten Horrorgeschichte, die am 26. September begann.

An dem Tag hatten die Lehramtskandidaten aus dem Weiler Ayotzinapa im nahegelegenen Iguala angeblich zwei Busse besetzt. Sie wollten damit zu einer Gedenkfeier für den Massenmord von Soldaten und Sicherheitskräften an Universitätsstudenten 1968 in Mexiko-Stadt reisen, die Metropole liegt ungefähr 180 Kilometer nordöstlich. Zunächst feuerten Bewaffnete aus unbekannten Gründen auf die Männer und nahmen ein weiteres Fahrzeug unter Beschuss. Sechs Menschen starben sofort, darunter auch ein Busfahrer, ein 15 Jahre alter Fußballspieler und eine Frau in einem Taxi, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren. 44 Studenten wurden offenbar von Polizisten mit Verbindung zu der kriminellen Bande Guerreros Unidos (Vereinte Krieger) verschleppt.

Die schreckliche Sprache des organisierten Verbrechens

Tags darauf präsentierten Gerichtsmediziner zunächst den schrecklich verstümmelten Julio César Mondragón, er hatte vergeblich versucht wegzulaufen. Die Mörder zogen ihm die Gesichtshaut ab und stachen ihm die Augen aus, sadistischer Terror ist die Regel im Krieg der Drogendealer und Entführer im Süden der USA. Die Kartelle des organisierten Verbrechens kommunizieren auf diese Weise. Sie köpfen und hängen auf, sie zersägen und lösen ihre Beute in Salzsäure auf. Es ist die Sprache von Gangs wie den Zetas, einer ehemaligen Eliteeinheit der Armee, den Tempelrittern oder eben dieser neuen Splittergruppe Unidos de Guerrero und ihrer staatlichen Kumpanen. Es geht um Routen und Märkte für Kokain, Marihuana und Pillen, um Piraterie, Prostitution, Waffenhandel und Menschenschmuggel. Es geht um Abschreckung. Um Geld und Macht. Ein Kampf, der Zehntausenden Menschen das Leben gekostet hat, viele sind verschwunden.

Die westliche Region Guerrero mit dem berühmten Seebad Acapulco und der ebenfalls viel besuchten Silberstadt Taxco ist dabei ein besonders umkämpftes Revier in diesem Gemetzel. Die Gegend liegt strategisch günstig zwischen Pazifik und Mexiko-Stadt, allein im Touristenhafen Acapulco wurden in den vergangenen Tagen 16 Morde gezählt. Es ist die derzeit wohl gefährlichste Großstadt Mexikos, zuletzt traten zum Beispiel Söldner in den Frühstücksraum eines Hotels und streckten einen Spitzenpolitiker neben seiner Familie nieder. Und fünf Passanten wurden auf einer Straße getötet wie Vieh, darunter zwei Lehrerinnen. Niemand half ihnen, das ist der Alltag an den ständig wechselnden Schauplätzen des Schreckens.

Die Behörden sind katastrophal unterwandert

14 von zunächst mehr als 50 Studenten tauchten wieder auf, dafür fahndete man auf einmal auch nach dem Bürgermeister von Iguala. 22 Polizisten wurden derweil festgenommen, sie gelten als Verbündete der Guerreros Unidos oder gar als deren Mitglieder. Zwischen organisiertem Verbrechen und staatlicher Schutzmacht besteht oft kaum ein Unterschied, die schlecht bezahlten Ordnungshüter haben sich zu Tausenden der besser bezahlenden Mafia angeschlossen. "Plata o plomo", Geld oder Kugel. Zeugen unter den Verhafteten sollen laut der Justiz bestätigt haben, dass die verdächtige Polizeieinheit mindestens 17 Studenten an einen Hügel bei Iguala gebracht und dort getötet hat. Das Kommando stammte offenbar von einem Anführer der Guerreros Unidos, der den Namen "Chucky" trägt. Doch wieso traf es junge Unbeteiligte, die gelegentlich Straßen sperren, aber ansonsten Lehrer werden wollten? "Welche Leute können so etwas tun?", fragte ein Überlebender.

Solche Fragen stellt sich Mexiko, doch man kennt die vage Antwort - manche Landstriche Mexikos werden von Killern beherrscht. Die Behörden sind katastrophal unterwandert, auch der neue Präsident Enrique Peña Nieto bekommt die Tragödie trotz seiner Reformen und strahlenden Auftritte nicht in den Griff. Er fordert den Gouverneur von Guerrero dazu auf, Verantwortung zu übernehmen. Spezialisten identifizieren derweil die entstellten Körper von Iguala und suchen nach den übrigen Studenten.