Massaker von Newtown Heile Welt in Trümmern

Die Bluttat mit 28 Toten an einer Schule in Newtown ist eines der verheerendsten Massaker in der US-Nachkriegsgeschichte. Für viele Familien bricht eine Welt zusammen. Das Land trauert und beginnt erneut, über das liberale Waffenrecht zu diskutieren. Konservative glauben nicht, dass sich mit strengeren Gesetzen Amokläufe verhindern lassen. Sie fordern: mehr Gott und Religion in den Schulen.

Von Ruth Schneeberger

Es ist einer der schrecklichsten Alpträume, den sich Eltern überhaupt vorstellen können: Sie stehen vor der Grundschule, um ihre Söhne und Töchter abzuholen. Heraus kommt die Polizei, die erklärt, dass ihr Kind tot sei. Erschossen, von einem Attentäter. Wie soll ein Betroffener ein solches Erlebnis verarbeiten, wenn schon der Rest der Welt, der nur über die Medien davon erfährt, in eine Art Schockstarre verfällt? Wie jemals diesen einen Tag begreifen, an dem für diese Eltern die Welt zusammenbrach?

Inzwischen wissen wir: Am Freitag, 14. Dezember, gegen 9.30 Uhr Ortszeit (15.30 Uhr MEZ), hat ein 20-Jähriger, den die Behörden als den Amerikaner Adam Lanza identifiziert haben, die Grundschule in Newtown, Connecticut, betreten. Die Schule, an der fünf- bis zehnjährige Kinder unterrichtet werden, liegt am Waldrand der Kleinstadt, rund 130 Kilometer entfernt von New York.

"Newtown ist ein eher wohlhabendes und ganz ruhiges Städtchen, quasi ein Dorf", sagt Tim Loh, Reporter bei der Connecticut Post, zu Süddeutsche.de. "Eigentlich ist das hier die perfekte New-England-Stadt", erzählt die Mutter einer Schülerin, Leigh Libero, dem Wall Street Journal fassungslos. Auch ihre Tochter wäre an diesem Morgen in der Grundschule gewesen - hätte sie nicht einen Zahnarzttermin gehabt. Und David Connors, Vater von Drillingen der ersten Klasse, die das Massaker überlebt haben, sagte, die Fahrt zur Schule sei die "furchtbarste Fahrt meines Lebens" gewesen. Wegen der Ungewissheit, ob seine Kinder unter den Opfern sind.

Die Schilderungen aus Newtown lassen nur erahnen, in welchem Zustand sich die Bürger der Kleinstadt befinden, deren Kinder um ein Haar dem Tode entronnen sind - und vor allem diejenigen unter den Eltern und Familien, die Tote zu beklagen haben.

Jetzt werden im ganzen Land wieder Stimmen laut, die eine Verschärfung des Waffengesetzes in den USA fordern. Denn: Der Täter soll mindestens zwei Waffen bei sich getragen haben, die auf den Namen eines Familienangehörigen legal registriert worden seien, womöglich auf den Namen seiner Mutter. Als gesichert gilt, dass Lanza fast 100 Schüsse innerhalb von zwei Räumen der Schule abgegeben haben soll, und dabei äußerst präzise vorgegangen ist. Nur eines der getroffenen Opfer überlebte.

Über die genauen Umstände und Abläufe des Massakers sowie über den Zustand und mögliche Motive des Täters werden Behörden und Medien in den nächsten Tagen noch genauere Erkenntnisse zutage fördern; einige bisherige Annahmen haben sich als falsch herausgestellt. So geriet zunächst der 24-jährige Bruder des Attentäters ins Blickfeld, Ryan Lanza, der sich über Facebook beeilte, zu erklären, dass er nicht der Täter sei. Stattdessen handelt es sich um seinen jüngeren Bruder Adam, der den Ausweis von Ryan bei sich getragen haben soll.

Auch die frühere Annahme, dass der Mann seine Mutter in der Schule erschossen haben soll, wurde revidiert. Inzwischen berichten US-Medien, die Mutter sei zu einem früheren Zeitpunkt an der Schule tätig gewesen. Adam Lanza habe sie am Morgen zu Hause getötet, bevor er sich zu ihrer ehemaligen Arbeitsstätte aufgemacht habe, um das Morden fortzusetzen. Dort habe ihn die Direktorin als Angehörigen einer Mitarbeiterin erkannt und deshalb die Tür geöffnet.