Marktforschung im Supermarkt Kunden im Dienst

Das Warenangebot im "Freemarket Kopenhagen" ist (noch) eher überschaubar

(Foto: Quelle: freemarket.nu)

Süßigkeiten, Snacks und Saft - in Kopenhagens erstem Gratis-Supermarkt dürfen angemeldete Mitglieder bis zu zehn Produkte mitnehmen, ohne zu zahlen. Dafür müssen sie sich eine Menge Fragen gefallen lassen.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Die Dänen haben Simon Taylor sein Angebot anfangs nicht abgekauft. Mussten sie eigentlich auch nicht, er wollte ihnen ja alles schenken. In seinem Freemarket verteilt der Werbefachmann kostenlose Produkte. "Die Dänen sind konservativ. Sie dachten, es ist zu gut, um wahr zu sein. Das war unser größtes Problem", sagt er. Im Internet existiert Freemarket bereits länger als ein Jahr, die Bestellungen kamen ausschließlich per Post. Nun hat Taylors Team eine Filiale in Kopenhagen eröffnet. In den Regalen des kleinen Ladens stehen vor allem Süßigkeiten, Getränke, salzige Snacks. Alles wirklich gratis?

Jein. Denn wer etwas mitnehmen möchte, muss sich zunächst einmal bei Freemarket im Internet anmelden. Und spätestens hier wird klar, dass nichts im Leben ganz umsonst ist. 19 dänische Kronen im Monat, umgerechnet etwa 2,50 Euro, zahlen Mitglieder. Dafür dürfen sie sich bis zu zehn Produkte aussuchen, in der Regel aber keines doppelt. Solange Taylors Supermarkt nur im Netz existierte, war die Mitgliedschaft kostenlos. Jetzt, mit einer echten Filiale, müsse man laufende Kosten decken, heißt es. "Das ist die offizielle Erklärung", sagt Taylor. Die inoffizielle lautet, dass der Gratis-Shop sonst "eine Menge seltsamer Leute" anziehe. "Wir möchten engagiertere Mitglieder haben."

Und die verpflichten sich - auch das ist wenig überraschend - für jedes Produkt zu einer Gegenleistung. Was das ist, legt der jeweilige Anbieter fest. Der dänische Mehl- und Müslihersteller Finax etwa verschenkt Bio-Knäckebrot. Er möchte, dass die Abnehmer im Gegenzug einen Fragebogen ausfüllen. Zum selben "Preis" bekommt man eine Packung Toffifee, Motto: Schokolade für die Testkunden, Marktforschung für den Hersteller Storck. "Manche Marken testen neue Produkte. Andere möchten wissen, ob Dänemark ein Markt für sie ist oder ob die Kunden auch höhere Preise zahlen würden", erklärt Taylor.

Werbung nervt, Geschenke nicht

Die meisten Anbieter aber nutzen Freemarket zur Werbung. Für ein kostenloses "Magnum Silber 25", Jubiläums-Eis mit Marc-de-Champagne-Geschmack und silbernem Überzug, muss man ein Foto auf Instagram posten. Andere Hersteller bevorzugen Facebook. Wer dort zum Beispiel den Kaugummi "Boost" von SB12 mit einem Freund teilt, erhält zwei Packungen, für sich und den Freund. Der Kaugummi verspricht, Menschen mit Mundgeruch kusstauglich zu machen. Nun ja.

"Es geht darum, Werbung witzig und lebendig machen", so verkauft Marketing-Experte Taylor seine Idee. Die ist an sich nicht neu: kostenlose Creme-Proben in Frauenmagazinen, Saftverkostung im Supermarkt, Gratis-Pröbchen beim Friseur - Werbung nervt, Geschenke nicht. Die Hersteller hoffen, dass die Beschenkten zu Kunden werden, oder noch besser, zu Werbeträgern. Facebook, Youtube und Instagram machen quasi jeden zum Multiplikator. Und dem Facebook-Freund hört man eher zu als den Versprechen der Promis und Hausfrauen in der TV-Werbung, hoffen die Betreiber des Testsupermarkts.

Taylor erzählt, dass er die Hersteller anfangs überzeugen musste, ihre Waren über Freemarket anzubieten. "Heute kommen alle Marken zu uns", sagt er. Auch sie zahlen für seinen Dienst. Taylor ist nicht der Einzige, der übers Internet Proben-Kampagnen sammelt. In Skandinavien beispielsweise nutzt die Seite Buzzador.com/dk ein ähnliches Konzept. Bei kjero.com können sich Verbraucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz als Produkttester bewerben. Doch mit dem Gratis-Laden seien sie die Ersten, glaubt Taylor.

Wer viele Produkte möchte, muss viele Fragen beantworten

Tina Dhanda Kalsi, Juristin beim dänischen Verbraucher-Rat Forbrugerrådet Tænk, hat nichts gegen solche Kampagnen. Es sei positiv, wenn Verbraucher der Industrie Feedback geben, sagt sie. Auch Online-Bewertungen anderer Nutzer könnten hilfreich sein. Das gelte aber nur, wenn die Motivation dahinter klar sei. "Wir haben eine weniger kritische Haltung in Netzwerken. Wir denken, wir bekommen einen guten Rat von einem Freund", sagt sie. Daher sei wichtig, dass jeder deutlich mache, warum er etwas auf Facebook oder Instagram teilt. "Es muss klar sein, dass er das posten musste, weil er Freemarket-Mitglied ist, nicht, weil dieser Saft so großartig ist", erklärt Kalsi.

Auch müsse jedem Mitglied klar sein, dass die Firmen seine Daten für effektivere Werbung nutzen, so die Verbraucherschützerin. Wer sich bei Freemarket registriert, wird also noch "gläserner", als der Kunde heute eh schon ist. Er soll eine Menge Fragen beantworten, über seinen Familienstand, wie er wohnt, ob er Haustiere hat, welchen Beruf, welches Einkommen, welche Hobbys. Viele Angaben sind freiwillig. Auf ihrer Grundlage wählen die Hersteller aus, wem sie ein Produkt anbieten. Katzenfutter bekommen nur Katzenbesitzer, Frauen-Schampoos nur Frauen. Und wer viele Angebote erhalten möchte, muss viele Fragen beantworten.

In der ersten Woche seit Eröffnung des Ladens ist die Zahl der Nutzer von 5000 auf 10 000 gestiegen, sagt Gründer Taylor. Er denkt bereits an Expansion. Im November möchte er Freemarket in Schweden eröffnen. Auch Großbritannien, Norwegen und Deutschland habe er schon im Blick.