Auf Sizilien wird Mafia-Boss Denaro mystifiziert - man hört von ihm in Rapsongs, Vertraute nennen ihn "Diabolik", nun wird er auch noch zum Kunstobjekt. Italien fürchtet die Stilisierung als neue Stärke der Clans.
Der Pate als Edelganove, so verklären ihn Hollywood-Filme. Der Pate als Ricotta-Käse mampfender ärmlicher Landmann, so präsentierte sich der echte Boss der Bosse, Bernardo Provenzano, vor zwei Jahren den Fahndern. Der Pate als Pop-Ikone, das hatte noch gefehlt. Nun ist es soweit.
Ein Verbrecher - zum Warhol-Gemälde stilisiert: Auf einer Mauer hinter dem Dom von Palermo tauchte eines der Wandbilder von Mafia-Boss Denaro auf. (© Foto: AP)
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An mehreren Orten Siziliens tauchten zuletzt geheimnisvolle "Murales", Wandbilder, auf. Sie erinnern an die Pop-Art-Gemälde, wie sie Andy Warhol etwa von Marilyn Monroe malte. Doch sie zeigen den mutmaßlichen neuen Oberboss der sizilianischen Unterwelt, Matteo Messina Denaro. Nun rätseln Ermittler auf Sizilien, was die Werke bezwecken. Eine künstlerische Provokation? Eine Ermutigung der Polizei, den seit 15 Jahren flüchtigen Denaro zu fassen? Eine Warnung? Oder eine Mystifizierung des Gangsters?
Das erste Bild prangte an einer Wand auf der Rückseite des Normannen-Domes in Palermo. Es zeigte in leuchtenden Farben vier Mal das Gesicht des Mafia-Führers, wie es vom jüngsten Fahndungsbild her bekannt ist. Darunter stand eine Reihe von Dollar-Zeichen: "Denaro" bedeutet auf Italienisch "Geld". Bald darauf fand sich ein ähnliches Bild beim Eingang zur juristischen Fakultät in Palermo, dann in Denaros Heimatort Castelvetrano in Westsizilien und schließlich auch noch im nahe gelegenen Sciacca.
Der Rapper-Gangster
Die Behörden ließen die Wandbilder überpinseln. Eine Anti-Mafia-Organisation klebte am Normannendom Fotos der Cosa-Nostra-Opfer Giovanni Falcone und Paolo Borsellino an die Stelle. Die Botschaft der Murales ist noch nicht entschlüsselt. Doch die Ermittler befürchten, die Wandbilder könnten Vorboten für ein Wiedererstarken der Mafia sein. Und sie könnten den Boss zum "Idol" machen. Der sizilianische Senator Carlo Vizzini, der auch für die OSZE als Mafia-Experte arbeitet, spricht von "verrückten Mystifizierungen".
Aus abgefangenen Briefen gehe hervor, dass sich Denaro als verfolgter Intellektueller, ja als eine Art Philosoph inszenieren wolle. Sogar in einem Rap-Song taucht der 46 Jahre alte Gangster bereits auf. "Leider ist dieser flüchtige Mafioso ein Idol unter den Jugendlichen geworden", meint der sizilianische Rapper Bartolo Fabio Rizzo. Viele "Ragazzi" identifizierten sich mit Denaro wie mit dem Helden eines Thrillers. "Es genügt nicht, die Murales zu übermalen, um Matteo Messina Denaro aus den Köpfen der Jugendlichen zu löschen."
Denaro inszeniert sich schon seit langem als Mafioso der anderen Art. Während sich die bisherigen Bosse gern ländlich-bescheiden gaben, im Verborgenen wirkten und die Familienehre hoch hielten, erwies sich der neue Capo früh als Glamour-Gangster. Der Spross einer Mafia-Familie aus der Gegend von Trapani fuhr Porsche, trug Rolex und bevorzugte Kleidung von Versace.
Als junger Mann soll er feuchtfröhliche Nächte an den Stränden des Touristenortes Selinunt gefeiert haben, Polizisten stießen in einem seiner Verstecke auf Kaviar und Champagner. Seine vielen Frauengeschichten ließen traditionelle Mafiosi die Stirne runzeln. Zugleich erwies sich Denaro von Jugend an als kalter Killer. Mit 18 Jahren soll er zum ersten Mal einen Menschen getötet haben; inzwischen werden ihm mehr als 50 Morde angelastet. Er selbst brüstete sich: "Mit den Leuten, die ich ermordet habe, könnte ich einen Friedhof füllen".
Mittlerweile soll "Diabolik", wie er sich nach einer Komik-Figur gerne nennen lässt, an die Spitze der Mafia Siziliens gerückt sein. Den Weg machte ihm die Polizei frei, indem sie 2006 Provenzano und ein Jahr später den palermitanischen Boss Salvatore Lo Piccolo schnappte. Dem italienischen Geheimdienst gelang es, an Briefe Denaros aus den Jahren 2005 und 2006 zu kommen, deren Inhalt nun bekannt wurde. Darin lästert der junge Boss über den alten Provenzano. Zudem klagt er, die Justiz sei "verrottet", es gebe keine "Rasse-Politiker" mehr, und die Cosa Nostra habe an Bedeutung eingebüßt.
Gefährliche Allianzen
Tatsächlich ist anzunehmen, dass die sizilianische Mafia unter den Fahndungserfolgen der vergangenen Jahre leidet. Zur Stärkung scheint sie nun auf die kalabrische 'Ndrangheta - die Mafia jenseits der Meerenge von Messina - zuzugehen. Ermittlern zufolge versuchen beide Verbrecher-Organisationen inzwischen, gemeinsam staatliche Großaufträge für Süditalien abzuschöpfen. Italiens Mitte April gewählte neue Regierung unter Silvio Berlusconi will Milliarden von Euro investieren, um eine Brücke über den "Stretto" - die Meerenge von Messina zu bauen.
Das kühne Werk, das die Regierung Prodi auf Eis gelegt hatte, wäre wohl eine phantastische Einnahmequelle. Es dürfte nicht nur Sizilien und Kalabrien, sondern auch die Cosa Nostra und die 'Ndrangheta verbinden, für die Bau-Subventionen aus dem Norden traditionell ein großes Geschäft bedeuten. Einem Vollzugsbeamten gelang es kurz vor der Wahl in einem Gefängnis des oberitalienischen Tolmezzo, einen Boss der 'Ndrangheta und drei Mitglieder der Cosa Nostra zu belauschen. Die Viererbande beriet nicht nur über einen möglichen Schlag gegen den obersten Anti-Mafia-Ermittler Piero Grasso, sondern auch über mögliche Allianzen.
Die 'Ndrangheta gilt mittlerweile als stärkste italienische Mafia-Organisation. Gerade in letzter Zeit erweist sie sich als tödlich vital. Fast täglich kommt es in Kalabrien zu einem Mordanschlag. Politiker warnen, die Region verkomme - ähnlich den Favelas von Rio de Janeiro - zu einer "No-Go-Area" für den Staat. Doch auch auf Sizilien ist die Macht der Mafia noch immer ungebrochen. Denaro dürfte versuchen, sie durch Bündnisse mit Unternehmern und Politikern wieder zu festigen. In seinen Briefen hat er angekündigt: "Man wird noch viel von mir sprechen."
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(SZ vom 05.05.2008/cag)
FKK-Slackliner Alexander Schulz