Von F. Kempis

Märchenstunde mit Zypries: Die Justizministerin liest Kindern Fabeln vor. Gibt es da etwa Parallelen zu den Wahlversprechen der Parteien?

"Es war einmal ein armes Mädchen...", beginnt Brigitte Zypries und blickt lächelnd über ihren Brillenrand auf die Kinder, die vor ihr sitzen. Es ist Märchenstunde im Karl-Liebermann-Haus, dem eigentlichen Sitz der "Stiftung Brandenburger Tor". Als wenn hier, mitten im Regierungsviertel von Berlin, nicht schon oft genug Märchen erzählt würden.

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Ministerin Zypries mag Märchen (© Foto: dpa)

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Fast dreißig Dritt- und Viertklässler sind gekommen, um sich von der Justizministerin vorlesen zu lassen. "Politiker lesen Märchen", heißt die Veranstaltung. Die Ministerin von der SPD hat ein großes, rotes Märchenbuch mit goldenen Lettern mitgebracht.

Damit entführt sie ihre Zuhörerschaft, die es sich vor ihr auf bunten Kissen gemütlich gemacht hat, in die Welt der Gebrüder Grimm. Da gibt es den tierlieben Königssohn, der die Prinzessin und seine beiden neunmalklugen Brüder von einem Zauber erlöst. Oder die schöne Sterntaler-Geschichte vom armen Mädchen, das alle seine irdischen Habseligkeiten verschenkt und am Ende mit einem Taler-Regen belohnt wird.

Heute ist Märchenstunde für Kinder, und doch könnte Brigitte Zypries genauso von anderen Märchen erzählen. Von Märchen aus der Fabelwelt der Politik, in denen die Königssöhne zwar nicht aus Stein sind, dafür Steinmeier heißen. Oder Guido und Oskar. Märchen in denen die begehrte Prinzessin auf der Erbse "Bundestagswahl-Sieg" heißt und um die nicht mit Schwertern, sondern mit Wahlversprechen gekämpft wird.

Kämpfen muss die Ministerin hier nicht, sie hat die volle Aufmerksamkeit schon. Die Kleinen sitzen ganz gerade, es ist mucksmäuschenstill. Nur ab und zu lacht eines der Kinder auf - oder es geht ein Raunen durch die Gruppe, wenn etwas Spannendes passiert.

Zucker, Sirup, Honig

In dem Märchen "Die Bienenkönigin" rettet der jüngste Königssohn nämlich gerade den Bienen das Leben. Dafür hilft ihm deren Königin dabei, unter drei verschleierten Prinzessinnen, die entweder Zucker, Sirup oder Honig gegessen haben, die Jüngste mit dem Honigmäulchen zu finden.

Im Politik-Märchen wird der Honig direkt um den Mund der Wähler geschmiert, süße Lockmittel in Form von Wahlversprechen sind gang und gäbe. Zucker heißt hier "Mindestlohn", der Sirup "Arbeitslosengeld II-Erhöhung" und der Honig ist die "Steuersenkung".

"Noch eins, noch eins", rufen die Kinder, als die Ministerin mit dem ersten Märchen fertig ist. "Noch eins, noch eins", scheinen auch die Wähler zu rufen - anders lassen sich die hohen Umfragenwerte der FDP kaum erklären; die von den Liberalen versprochenen Steuerentlastungen in Höhe von bis zu 30 Milliarden Euro kommen märchenhaft gut an. Genauso wie das Sümmchen von 300 Euro für eine nicht-gemachte Lohnsteuererklärung, wie sich das die SPD vorstellt.

Eine Erhöhung des Mindestlohns auf 10 Euro wie die Linke sie propagiert, wäre natürlich auch traumhaft. Die SPD setzt die Messlatte hier zwar erst bei 7,50 Euro an, versucht aber, ganz glitzernde Zauberfee, mit einer Senkung des Eingangssteuersatzes auf zehn Prozent zu punkten.

Doch aufgepasst: Auch in der Märchenwelt der Politik gibt es Drachen, die es zu bekämpfen gilt. Wenn jeder Drache ein Euro wäre, gäbe es 316 Milliarden davon. So hoch sind die zu erwartenden Steuerausfälle in den kommenden Jahren. Doch wer weiß, vielleicht geht alles gut und es regnet wie bei Sterntaler harte, blanke Taler. Und alles lebt reich bis an sein Lebtag.

Unter den Berliner Schülern steht Sterntaler jedenfalls hoch im Kurs. Ministerin und Kinder diskutieren lebhaft über die Moral des Märchens. Ein Junge aus der zweiten Reihe glaubt, dass so was wie bei Sterntaler in Deutschland nicht passieren könne. Wer arm sei, bekomme ja Hilfe vom Staat. Er meint offensichtlich Hartz IV. Die Justizministerin nickt, erklärt aber, dass die staatliche Hilfe nicht allzu hoch sei.

Aber immerhin: wer keine Fertiggerichte, sondern frische Sachen vom Markt kaufe und selber koche, könne auch davon leben. Offenbar auch so ein Politiker-Märchen, das viele Wähler nicht glauben wollen. Die Linkspartei verspricht deshalb jetzt, das Arbeitslosengeld II auf 500 Euro zu erhöhen. In der Welt der Märchen ist eben alles möglich.

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(sueddeutsche.de/lala/hai)