Madrid Spaniens Slum

Madrid versinkt im Müll. Damit soll nun Schluss sein: Die streikenden Straßenkehrer erhalten neue Verträge. Aber reicht das? Und warum haben die Bürger zugesehen, wie ihre Stadt im Dreck versinkt?

Von Thomas Urban, Madrid

Der Unrat auf den Straßen lässt die stolze Hauptstadt wie einen Slum aussehen.

Wieder einmal hatte Ana Botella, die Oberbürgermeisterin von Madrid, die Lage falsch eingeschätzt: Sie trug eine Pelzjacke und hochhackige Stiefeletten, als sie in der Nacht zum Sonntag für die Fernsehnachrichten die Arbeit der Müllmänner begutachtete. Doch es regnete, und in dem Dreck auf dem Pflaster rutschte sie aus. Wenn nicht ein Begleiter die Bürgermeisterin rechtzeitig aufgefangen hätte, wäre sie wohl das prominenteste Opfer des zweiwöchigen Streiks der Stadtreinigung geworden. Kurz nach ihrem Fehltritt verkündete sie lächelnd: "Alles wird wieder gut." Die Müllhalden aus Essensresten und Tüten mit Hundehäufchen, die Berge von Verpackungen, Altpapier und leeren Flaschen würden ganz schnell verschwinden. Man habe sich mit den vier Firmen, die dafür zuständig sind, auf neue Verträge geeinigt.

Doch ob alles wirklich wieder gut wird, bezweifeln die Kommentatoren der Madrider Medien. Der Unrat auf den Straßen, der die stolze Hauptstadt innerhalb weniger Tage wie einen Slum hat aussehen lassen, hat die Bewohner schockiert. Zum einen hatten sie bislang in viel geringerem Maße die Auswirkungen der Wirtschaftskrise gespürt als andere Regionen des Landes. Zum anderen glaubten sie, das Schlimmste bereits hinter sich zu haben, denn die Politiker verkündeten ein Ende der Rezession und weniger Arbeitslose.

Die ersten Umfragen zeigen, dass die Madrider Müllberge das Vertrauen der Bürger in die Politiker weiter erschüttert haben. Der Grund für den Streik war der übliche: Lohnkürzungen und Entlassungen. Angesichts eines Schuldenbergs von sieben Milliarden Euro setzt Oberbürgermeisterin Botella auf Privatisierung und Abbau der Personalkosten. Den vier Reinigungsfirmen, die den ursprünglich lukrativen Auftrag ergattert hatten, wurden allerdings die zugesagten Pauschalen kurzerhand um ein Fünftel zusammengestrichen. Die Firmenchefs senkten daraufhin kräftig die Löhne und schickten rund 1400 von insgesamt 6000 Müllmännern und Straßenkehrern die Entlassungspapiere.

Allerdings hatten sie die Rechnung ohne die Gewerkschaften gemacht. Nach den Niederlagen der vergangenen Monate, als sie bei ihren Protestkundgebungen gegen den Sparkurs der Regierung nur noch wenige Tausend Demonstranten auf die Beine brachten, wollten die Arbeitnehmervertreter diese Chance nicht ungenutzt lassen. Doch nach wenigen Tagen war klar, dass die Mehrheit der Bevölkerung kaum Verständnis für den Streik aufbrachte. Schließlich mussten die Gewerkschaften unter dem Druck der Öffentlichkeit einem Kompromiss zustimmen: Zwar soll kein einziger der Stadtreiniger entlassen werden, doch soll jeder von ihnen im Jahr 45 Tage unbezahlten Urlaub nehmen. Faktisch bedeutet dies kräftige Lohneinbußen.

Spaniens Schande

Unterdessen bestritten die Gewerkschaftsführer, dass sie hinter den Kulissen ihre Mitglieder ermuntert hätten, Müllcontainer abzufackeln und Mülltonnen umzustürzen. Jedenfalls haben Unbekannte das Chaos noch verschlimmert, indem sie den Müll auf den Gehwegen verteilt haben. Vor allem Jugendliche machten sich einen Spaß daraus, die umherliegenden Flaschen zu zerdeppern. Die Presse beklagte den unterentwickelten Bürgersinn der Besitzer der Läden und Cafés, die im Altweibersommer, der bis vor wenigen Tagen Madrid erwärmte, blendende Geschäfte machten: Die meisten kehrten keineswegs vor der eigenen Tür. "Stadtreinigung ist Sache der Stadt", sagte ein Restaurantbetreiber ungerührt im Fernsehen.

Der Müll in den Straßen ist der vorläufige Höhepunkt eines Jahres, in dem es für Spaniens stolze Hauptstädter überhaupt nicht rund lief. So scheiterte die Stadt auch beim dritten Anlauf, Ausrichter der olympischen Sommerspiele zu werden. Und der Name der wichtigsten Metrostation im Zentrum wurde für drei Jahre an einen britischen Mobilfunktreiber verkauft. Sie heißt nun "Vodafone Sol", was in ganz Spanien als Schande empfunden wird. Schließlich ist Madrid unter den beliebtesten Touristenzielen noch weiter hinter das ungeliebte Barcelona zurückgefallen. In den Medien tobt eine heftige Diskussion, ob die Dreieinhalb-Millionen-Metropole nicht immer mehr zur Provinzstadt wird, an der nicht nur der große Touristenstrom, sondern auch die große Kultur vorbeigeht.

Eine Künstlergruppe fand inzwischen eine eigene Antwort: Sie verteilte in der Innenstadt von Madrid Mülltüten mit dem Konterfei der Oberbürgermeisterin.