4. Die Polizei
Goncalo Amaral: In dem Buch "Eine Wahrheit und viel Geld" klagt der Ex-Chefermittler im Fall Maddie das Ehepaar McCann an. (© Foto: AFP)
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Als der Staatsanwalt José de Magalhães e Menezes den Abschlussbericht der Kriminalpolizei vom 20. Juni 2008 in den Händen hält, kommt er nicht umhin, den enormen Fleiß der Ermittler zu loben. Das Destillat umfasst 4500 Seiten in 17 Bänden, dazu kommen 12000 Seiten mit Rechnungen, Abhörmaßnahmen, Analysen und Rechtshilfeersuchen, schließlich 5000 Seiten mit offensichtlich wertlosen Hinweisen aus der Bevölkerung.
Die Polizei hat 443 Wohnungen besucht, suchte 30 Quadratkilometer mit zwei Hubschraubern, vier Schiffen und Jeeps ab. Die Labors prüften 257 Haare aus Wohnungen und Autos; allein das kostete Zehntausende Euro. Doch am Ende haben die Ermittler nichts in der Hand.
Wie das sein kann?
Der größte Fehler geschah gleich zu Beginn: In der Hektik der ersten Stunden wird die Wohnung auf den Kopf gestellt, die wohl entscheidenden Spuren werden vernichtet. Freunde, Polizisten und Angestellte beugen sich über das Bett, gucken darunter, fassen das Fenster und die Terrassentür an. "Niemand hatte die Ruhe und die Geistesgegenwart, den Tatort zu sichern", beklagt der Staatsanwalt.
Als die Kripo die Fenster mit dem roten Pulver "Dragonblood" bestäubt, um Fingerabdrücke zu sichern, stellt sich heraus, dass der deutlichste Abdruck von einem Landpolizisten aus Lagos stammt, der am Abend im Dienst war. Der Versuch, Wochen später Fußspuren zu sichern, scheitert: Es sind zu viele Pfoten der Spürhunde zu sehen.
Unglaublich auch, dass Murat, der einstige Verdächtige, in mehr als einem Dutzend Verhören dolmetschte. Amaral, der Polizeichef, bedauert, dass er sich von der Öffentlichkeit treiben ließ. "Der Druck hat uns nie wieder verlassen", schreibt er, Ermittlungen gegen die Eltern unterbleiben lange aus politischer Rücksicht auf die Briten. Der Staatsanwalt beklagt zudem, dass die "Medienorgie" die Ermittler abgelenkt und die Würde der Verdächtigen verletzt habe, die zum Teil, siehe Murat, regelrecht geschlachtet wurden.
Aber auch die Zusammenarbeit wirft Fragen auf. Am 16. Mai berichtet ein Ehepaar der britischen Polizei, dass David Payne, ein Freund aus der McCann-Runde, früher durch obszöne Gesten auffiel, die Madeleine gegolten haben könnten. Die Portugiesen erfahren von der Aussage erst im Herbst. Der Staatsanwalt zitiert aus dem Kriminalroman "Das Versprechen" von Friedrich Dürrenmatt: "Der Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil beizukommen."
In der Akte ist eine Kopie von Madeleines Pass, Nummer 453847661. Er ist am 4. August 2008 abgelaufen. Ihre Mutter sagt, sie spüre, dass ihr Kind lebt.
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"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
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(SZ vom 30.08.2008/hai)
Studie zur Beliebtheit der Deutschen
Nach Monaten des Kopierens britischer Märchenartikel, der erste selbst recherchierte Artikel über den Fall von einer deutschen Zeitung. Es mag zwar daran liegen, dass die Fakten aus der Polizeiakte keine Basis für eine Verleumdungsklage bieten können, aber trotzdem galt es eine sicher schwierige Auswahl bisher unbekannter Fakten zu treffen.
Die scheinbar lückenlose Kette, durch die Robert Murat in die Angelegenheit verstrickt wurde und die von der britischen Polizei fast unterschlagene Aussage gegen David Payne sind sicher die prägnantesten Punkte, die uns die britische Presse, die ja auch Zugang zu der Akte hat, bisher verschwiegen hatte.
Die bedingungslose Unterstützung durch britische Regierungsstellen, wie des Konsulats und der Leicestershire Polizei, sowie die widersprüchlichen DNA-Ergebnisse sind sicher einen zweiten Artikel wert.
Danke, weiter so.