Was geschah wirklich in jener Nacht, als Madeleine McCann verschwand? Die SZ hat die Ermittlungsakten ausgewertet.
Spät am Abend des 3. Mai 2007 wird die Managerin der Ferienanlage Ocean Club, Silvia Maria Batista, zurück zur Arbeit gerufen. An der Rezeption des Feriendorfs in Praia da Luz im Süden Portugals stehen Polizisten, und Gerald McCann, ein britischer Gast, kniet und schreit und schlägt die Hände auf den Boden. Er kommt ihr vor wie ein Araber beim Gebet.
Ikone aller Verschwundenen: die kleine Madeleine McCann. (© Foto: AP)
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Batista begleitet ihn in dessen Ferienwohnung, Nummer 5A, wo großes Durcheinander herrscht. McCanns Ehefrau, Kate Healy, sitzt niedergeschmettert auf dem Ehebett, etliche Freunde der Briten gehen im Wohnzimmer ein und aus, alle telefonieren. Sie reden von einer Entführung.
Madeleine McCann, die Tochter des Ehepaars, knapp vier Jahre alt, ist aus ihrem Bett verschwunden, während die Eltern im Restaurant saßen. Als die Mutter um 22 Uhr nach dem Rechten sieht, spürt sie einen Luftzug im Zimmer, das Fenster steht offen, Madeleines Bett ist leer, nur ihre Plüschkatze und eine rosa Kuscheldecke liegen da, die Laken sind zurückgeschlagen. Die Geschwister Sean und Amelie, zweijährige Zwillinge, schlafen, als sei nichts passiert.
Frau Batista fällt auf, dass keiner der Briten draußen das Kind sucht, alle reden nur davon, die Medien anzurufen.
Bald wird Madeleine zur Ikone aller Verschwundenen werden, sie wird jeder Familie der Welt vor Augen führen, wie das Schicksal zuschlägt, wenn das Glück doch vollkommen zu sein scheint, bei erfolgreichen Eltern mit gesunden Kindern, die mit Freunden in Praia da Luz entspannen - am "Strand des Licht".
Der Kriminalfall bleibt derweil ohne Lösung. Nach 13 Monaten hat die portugiesische Polizei die Akte in diesem Sommer vorerst geschlossen und veröffentlicht. Zeugenvernehmungen, Tatortfotos, DNS-Analysen, abgehörte Telefonate erzählen auf mehr als 20000 Seiten von der erfolglosen Jagd nach möglichen Tätern - aber auch von der Auseinandersetzung zwischen portugiesischen Behörden, die von den Medien getrieben wurden, und einer britischen Familie, die keinen anderen Ausweg aus ihrer Qual fand, als pausenlos alle Welt um Hilfe zu rufen. Der Fall Madeleine wurde so zum Kulturkampf zwischen Briten und Portugiesen, zwischen Stadt und Land.
Wenn sich aus dieser Akte eine Lehre ziehen lässt, dann diese: Selbst aufwendigste Ermittlungen und rauschende Medienkampagnen können keine Kriminalfälle lösen, wenn Angehörige und Polizisten am Tatort schon in den ersten Minuten entscheidende Spuren verwischen. Vielleicht ist Madeleine, das bekannteste Kind der Welt, deswegen seit dem 3. Mai 2007 nicht mehr gesehen worden.
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Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld
Nach Monaten des Kopierens britischer Märchenartikel, der erste selbst recherchierte Artikel über den Fall von einer deutschen Zeitung. Es mag zwar daran liegen, dass die Fakten aus der Polizeiakte keine Basis für eine Verleumdungsklage bieten können, aber trotzdem galt es eine sicher schwierige Auswahl bisher unbekannter Fakten zu treffen.
Die scheinbar lückenlose Kette, durch die Robert Murat in die Angelegenheit verstrickt wurde und die von der britischen Polizei fast unterschlagene Aussage gegen David Payne sind sicher die prägnantesten Punkte, die uns die britische Presse, die ja auch Zugang zu der Akte hat, bisher verschwiegen hatte.
Die bedingungslose Unterstützung durch britische Regierungsstellen, wie des Konsulats und der Leicestershire Polizei, sowie die widersprüchlichen DNA-Ergebnisse sind sicher einen zweiten Artikel wert.
Danke, weiter so.