Deutsche Designer und deutsche Label haben im Ausland einen guten Ruf - nun wächst auch das Interesse im eigenen Land.
Mode aus Deutschland ist überall: Bis nach Hollywood, zur Oscar-Verleihung, haben es die Escada-Roben geschafft, geschmiegt an die Busen von Halle Berry und Kim Basinger.
Größte und populärste Messe beim Modewochenende in Berlin ist die "Bread & Butter". (© Foto: dpa)
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Deutsche Hersteller wie Adidas, Puma und Esprit machen Milliarden-Umsätze. Jil Sander hat zwar ihren Thron freiwillig geräumt, behält aber auf Lebzeiten den Titel "Queen of Clean" und gilt international als stilprägend. Und das Unternehmen Boss verzeichnete im vergangenen Jahr mehr Zuwachs als fast alle anderen Modelabels weltweit.
Die Deutschen genießen in der internationalen Mode also großes Ansehen - allerdings nicht immer unter eigener Flagge, und selten im eigenen Land. Karl Lagerfeld führt die Pariser Modehäuser Fendi und Chanel, sein eigenes Label - Lagerfeld Gallery - hat er gerade an den Amerikaner Tommy Hilfiger verkauft.
Die Kollektionen Jil Sanders und des schwäbischen Unternehmens Strenesse werden zweimal im Jahr in Mailand präsentiert, das Label Boss zeigt seine Kollektionen auf den Modewochen in Paris. Aber zunehmend wendet sich das Interesse der Modewelt, wenngleich vorerst nur der jungen Designer, wieder zurück nach Deutschland selbst.
Dabei fühlen sich die Deutschen - trotz internationaler Anerkennung - nach wie vor nicht als Modemacht. Ihr modisches Selbstbewusstsein beziehen sie aus den zwanziger Jahren, aus der Verschmelzung von Kunst, Mode, Film, Fotografie, Bühne.
Es war die Zeit, in der Deutschland sich nicht an Paris orientierte, sondern an sich selbst, an Berlin. Heute fühlen sich die Deutschen eher zweitrangig: Der Blick schweift nach New York, London, Mailand, Paris - in die Städte, die sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer mehr zu neuralgischen Punkten der internationalen Mode entwickelt haben. Dann kehrt der Blick wieder zurück in die Vergangenheit, ins alte Berlin eben.
Die Konfektion war Anfang des 20. Jahrhunderts einer jener Industriezweige, mit denen Deutschland sich in der Welt etablierte. Und doch hat dieses Land nach dem Zweiten Weltkrieg keine einheitliche modische Identität mehr entwickeln, geschweige denn eine konkurrenzfähige Modewoche etablieren können.
Das Konfektionsviertel rund um den Hausvogteiplatz in Berlin-Mitte, um den sich Anfang des letzten Jahrhunderts prominente Hofschneider und kleine Maßschneider aus Polen und Böhmen angesiedelt hatten, war weitgehend zerstört; die Nationalsozialisten hatten zuvor die Besitzer der dort ansässigen großen Modehäuser Wertheim, Gerson und Manheimer enteignet und ermordet.
München hatte weder vor noch nach dem Zweiten Weltkrieg große Ambition, deutsche Modehauptstadt zu sein. Hamburg war ebenfalls ungeeignet; für Hamburger hatte Mode per se immer etwas Proletarisches.
Es gehört zum hanseatischen Selbstverständnis, dass Kleidung nach außen unscheinbar zu sein hat, dafür aber von höchster Stoffqualität. "Fashion is a form of ugliness so intolerable that we have to alter it every six months"(Mode ist eine Art von Hässlichkeit, die so unerträglich ist, dass wir sie alle sechs Monate auswechseln müssen) - besser als Oscar Wilde hätte kein Hamburger seinen angeborenen Widerwillen gegen Trends ausdrücken können.
Zu Beginn des deutschen Wirtschaftswunders bewarb sich Düsseldorf erfolgreich um den Titel "deutsche Modehauptstadt": 1949 gründeten 24 rheinländische Hersteller von Damenoberbekleidung einen Verein, den sie "Interessengemeinschaft Damenoberbekleidung", kurz: Igedo nannten und mit einer Straßenmodenschau auf ihrem Prachtboulevard "Kö" krönten.
Die Messe wuchs und wuchs und wurde 1982 in CPD umbenannt. Heute ist sie die größte Modemesse der Welt, und ihre Macher sind erbittert, weil Berlin seitlich hineingrätscht.
Mit dem Mauerfall nämlich wurde Berlin wieder Hauptstadt und Magnet für junge Kreative. Sie verlagerten sich ein paar Straßenzüge über den Hausvogteiplatz hinaus ins Scheunenviertel, wo früher, in den Zwanzigern, Ganoven ihre Geschäfte machten.
Viele der alten Häuser sind intakt, verströmen den Charme der vergangenen Zeit und beherbergen kleine Künstler- oder Modeateliers.
Brücke zu den Goldenen Zwanzigern
Seit drei Jahren findet eine Reihe von Modemessen in Berlin statt. Die Wirtschaftsverwaltung wird um Zuschüsse bekniet, der Senat verspricht, internationale Handelspartner zu akquirieren. Man wolle die Brücke schlagen zu den Goldenen Zwanzigern, heißt es auch hier.
Der deutsche Designer und Neuberliner Kostas Murkudis, einst rechte Hand des Designerstars Helmut Lang, erklärt die Vorteile: ¸¸Es ist einfach, Fachkräfte aus dem Ausland hierher zu rekrutieren; jeder will auf dem Berliner Trittbrett mitfahren.
Daraus entsteht wiederum ein Flair von Wichtigkeit, das gerade auf junge Leute wirkt." Wer durch Berlin-Mitte geht, wird feststellen, dass es dort kein Alter gibt, dass 17-Jährige wie 37-Jährige auf Bonanzarädern sitzen; todernste, erwachsene Kinder aus ganz Deutschland, die ihr Anderssein suchen, worin sie sich alle ähneln.
"In Berlin verliert man nur seine Zeit", urteilte unlängst Karl Lagerfeld. Mag sein, dass sich das schneller ändert, als er denkt.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 22.1.2005)
Frauen in Saudi-Arabien