Luftverschmutzung Stuttgart löst als erste Stadt in Deutschland Feinstaubalarm aus

  • Oberbürgermeister Fritz Kuhn appeliert an die Stuttgarter, ihr Auto stehen zu lassen.
  • Grundlage für den Alarm sind Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes. Das Wetter der kommenden Tage lässt hohe Feinstaubwerte erwarten.
  • Umweltschützer kritisieren die Maßnahme als "absurdes Schauspiel", solange sie auf Freiwilligkeit setzt.

Feinstaubalarm in Stuttgart: So funktioniert es

Stuttgart hat als erste deutsche Großstadt Feinstaubalarm ausgelöst. Doch was sich nach einer konkreten Maßnahme im Kampf gegen den krebserregenden Feinstaub anhört, ist zunächst nur eine Bitte an die Bevölkerung. Die Stuttgarter sollen ihr Auto stehen lassen und Holzöfen, die lediglich als zusätzliche Wärmequelle dienen, nicht nutzen.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) sagte: "Ich appelliere an die Bürgerinnen und Bürger: Lassen Sie Ihr Auto an den Alarmtagen möglichst stehen." Die Stadt Stuttgart empfiehlt öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, Fahrgemeinschaften zu bilden, Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Wer doch ein Auto braucht, könne auf ein Elektromobil oder ein E-Taxi umsteigen. Darüber hinaus sollen die Bürger auch Kaminöfen, die nicht unbedingt zum Heizen gebraucht werden, nicht anfeuern.

Auf Hinweistafeln an Straßen, auf Bannern an Brückengeländern, über Verkehrsmeldungen im Radio und über die sozialen Netzwerke wird die Bevölkerung nun über den Feinstaub-Alarm informiert. Doch wie viele der 200 000 Auto-Berufspendler tatsächlich auf andere Verkehrsmittel umsteigen, wird sich erst in den kommenden Tagen zeigen.

Wann der Alarm wieder endet, ist schwer zu sagen. Aber nach einer Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes könnte der erste Feinstaubalarm in Deutschland gleich eine ganze Woche dauern.

Stuttgart ist die am schlimmsten belastete Stadt in Deutschland

Nirgends gilt die Luft so stark belastet wie in der baden-württembergischen Landeshauptstadt: Der EU-Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft wird hier regelmäßig überschritten. Die Kessellage der Stadt sorgt dafür, dass bei einer bestimmten Wetterlage der Luftaustausch problematisch ist.

Seit Jahren ringen Stadt und Land um Lösungen zur Verringerung der Luftverschmutzung, auch die EU macht Druck. Nach Angaben des Verkehrsministeriums fahren am Verkehrsknotenpunkt Neckartor nahe der Innenstadt täglich etwa 71 300 Fahrzeuge vorbei, es ist der deutschlandweit am schlimmsten vom Feinstaub belastete Ort.

Messstation am Neckartor: Kein Ort in Deutschland ist schlimmer von Feinstaub belastet.

(Foto: dpa)

Kritik am Feinstaubalarm

Umweltschützer und betroffene Bürger halten wenig vom Feinstaubalarm. Für den Montagabend hat die Bürgerinitiative Neckartor zu einer Demonstration aufgerufen. Die Initiative kritisiert den Alarm als "reine Scheinveranstaltung". Solange das Ganze ohne Konsequenzen für die Autofahrer bleibe, sei es im Grunde ein "absurdes Schauspiel", sagte Peter Erben von der Initiative Neckartor. Zudem müsse der "sogenannte Alarm" in der gesamten Region ausgerufen werden und nicht nur in der Umweltzone Stuttgart. Die meisten Orte der Pendler seien von der Maßnahme gar nicht erfasst.

Die Deutsche Umwelthilfe fordert statt eines freiwilligen Alarms verbindliche Fahrverbote, etwa für Dieselfahrzeuge. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat freiwillige Appelle als untaugliches Instrument kritisiert und stattdessen Fahrverbote gefordert.

Vorerst sind jedoch keine Fahrverbote geplant. Nur wenn der freiwillige Autoverzicht nicht dazu führt, die Feinstaubbelastung auf die erlaubten Grenzwerte zu reduzieren, könnte es ab 2018 verbindliche Vorgaben für Autofahrer geben. Die Stadt prüft zwei Alternativen. Zum einen könnte dann die Einfahrt nur noch für Fahrzeuge erlaubt sein, in denen mindestens zwei Personen sitzen oder die durch eine bisher noch nicht eingeführte blaue Plakette als besonders emissionsfrei gekennzeichnet sind. Zum anderen könnte der Verkehr per Zufallsprinzip reduziert werden, indem zum Beispiel nur noch Autos mit gerader oder mit ungerader Zahl im Kennzeichen in die Stadt fahren dürfen. Elektro-Fahrzeuge wären davon ausgenommen.

Feinstaubalarm - eigentlich nur eine Wetterprognose

Die Stadt stützt sich beim Feinstaubalarm, der mindestens zwei Tage gelten soll, auf Berechnungen und Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Laut DWD beeinflussen unter anderem folgende Kriterien die Feinstaubbelastung negativ: fehlender Regen, ungünstige Windrichtung oder geringe Windgeschwindigkeit sowie eine Inversionswetterlage, in der die Luft nicht zirkulieren kann und sich Schadstoffe in tiefen Lagen stauen. Wenn bestimmte Kriterien voraussichtlich gleichzeitig an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auftreten, wird der Alarm ausgelöst.

Einen exakten Zusammenhang zwischen Wetterlage und Feinstaubbelastung gibt es dem DWD zufolge aber gar nicht. Es könne also sein, dass die Grenzwerte überschritten werden, wegen einer unverdächtigen Wetterlage aber kein Feinstaubalarm ausgelöst wird.

Gefährliche Luftverschmutzer Feinstaub und Stickstoffoxid

Bei der Schadstoffbelastung der Luft spielen vor allem Stickstoffoxid und Feinstaub eine Rolle. Stickstoffdioxid entsteht bei Verbrennungsprozessen - etwa im Straßenverkehr, durch Kaminöfen oder in der Industrie. Hauptquelle ist der Straßenverkehr. Als Feinstaub werden winzige Partikel bezeichnet, die eine gewisse Zeit in der Luft schweben. Sie können aus natürlichen oder aus von Menschen geschaffenen Quellen stammen. Die feinen Teilchen kommen in Dieselruß, Reifenabrieb oder in Abgasen von Industrie-, Kraftwerks- und Heizungsanlagen vor. Wissenschaftler haben in Untersuchungen das vermehrte Auftreten von Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen bei hohen Konzentrationen von Feinstaub und Stickstoffdioxiden nachgewiesen.

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