Loveparade-Prozess "Ich möchte mich bei Ihnen aufrichtig entschuldigen"

  • Rainer Schaller, Veranstalter der Loveparade 2010 in Duisburg, hat im Prozess als Zeuge ausgesagt.
  • Bei der Musikveranstaltung war es zu einem tödlichen Gedränge gekommen, 21 Menschen kamen ums Leben, mehr als 650 wurden verletzt.
  • Vor seiner Aussage entschuldigt sich Schaller bei den Angehörigen der Opfer.
Von Benedikt Müller, Düsseldorf, und Eva Casper

Rainer Schaller ist am Tag seiner Zeugenaussage schon deutlich früher da. Er ist ganz in Schwarz gekleidet: Er trägt einen schwarzen Anzug, ein schwarzes Hemd, sein Kopf ist kahlgeschoren, grauer Bart. Er zieht sich nicht in eine Ecke zurück oder schleicht heimlich in den Gerichtssaal. Der 49-Jährige geht auf die Fotografen zu, spricht mit Angehörigen. Man könnte sagen: Schaller stellt sich der Öffentlichkeit.

Bevor er seine Aussage macht, holt er einen weißen Zettel aus seiner Tasche. Er habe die Rede aufgeschrieben, weil er sehr nervös sei, sagt er. Schaller spricht zwei, drei Minuten, langsam und konzentriert, manchmal ist er so leise, dass man ihn kaum versteht. Die Rede ist an die Angehörigen der Opfer gerichtet. "Ich möchte mich bei ihnen aufrichtig entschuldigen", sagt er. Der 24. Juli 2010 sei für sie der schlimmste Tag ihres Lebens gewesen. Er übernehme die "moralische Verantwortung" für diese Katastrophe.

Viele Angehörige dürften eher das Gegenteil über Schaller denken. Dass er eben keine Verantwortung übernommen hat. Weil er in diesem Prozess nur als Zeuge auftritt und nicht als Angeklagter. Weil er dem Gericht im Vorfeld glaubhaft machen konnte, er sei in den Organisationsprozess der Loveparade nicht direkt involviert gewesen. Angeklagt sind stattdessen vier Mitarbeiter seiner Firma "Lopavent", die die Loveparade in Duisburg 2010 organisiert hat. Ihnen wird fahrlässige Tötung und Körperverletzung vorgeworfen.

Sauerland: "Ich hatte mir nichts vorzuwerfen"

Nach der Loveparade-Katastrophe gab es vor allem Kritik am damaligen Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland - auch, weil er sich kaum öffentlich äußerte. Jetzt tritt er als Zeuge im Prozess auf. Von Kerstin Lottritz mehr ...

Bei der Musikveranstaltung sollen zahlreiche Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten worden sein. So war die Rampe, die zum Festivalgelände führte, am Veranstaltungstag durch Zäune verstellt. Die sechs Beschuldigten der Stadt Duisburg und die vier beschuldigten Mitarbeiter des Veranstalters "Lopavent" hätten die Hindernisse aus dem Weg räumen müssen, dann hätte sich auch keine tödliche Menschenmenge gebildet, so argumentiert die Staatsanwaltschaft.

Den Ermittlungen zufolge sollen Schaller und sein Unternehmen ein völlig untaugliches Konzept für die Veranstaltung vorgelegt haben, Absprachen seien nicht eingehalten worden - und wenn die Stadt nicht so wollte wie der Veranstalter, wurde mit Anwälten gedroht.

Zudem soll bereits im Vorfeld schlecht kalkuliert worden sein. Schaller sprach öffentlich von einer Million Besucher, die erwartet würden, intern wurden jedoch nur 250 000 genehmigt. Noch am Tag der Loveparade soll der Veranstalter dann die zulässige Zahl der Personen pro Quadratmeter kurzfristig erhöht haben lassen. Ein elektronisches Verfahren, mit dem die Zahl der Besucher exakt hätte bemessen werden und eine Überfüllung des Geländes früher hätte erkannt werden können, wurde während der Planung abgelehnt. Wegen seines Sparkurses bei der Organisation ist Schaller zahlreich kritisiert worden.

Ein Zeuge, den viele als Hauptschuldigen sehen: Diese Rolle nimmt auch der ehemalige Oberbürgermeister Duisburgs, Adolf Sauerland, ein. Anfang Mai hatte er im Prozess ausgesagt. Im Vergleich zu Schaller wies er jede Verantwortung für die Katastrophe von sich: "Aktiv in dem Genehmigungsprozess war ich nicht." Er habe keine Genehmigung erteilen oder vorbereiten müssen. Alles sei über seine Mitarbeiter gelaufen. Eine Entschuldigung äußerte Sauerland nicht.

Bei dem Loveparade-Unglück am 24. Juli 2010 in Duisburg waren in einem Massengedränge 21 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 650 wurden verletzt. Experten gehen davon aus, dass die Veranstaltung nicht hätte genehmigt werden dürfen, da das Gelände für die hohe Anzahl an Besuchern nicht ausgelegt war.

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