Lieferprobleme in USA Todesspritze ohne Gift

Den Todestrakten der USA gehen die Giftspritzen aus. Die Behörden müssen Hinrichtungen verschieben und suchen im Ausland nach Giftlieferanten - wohl auch in Deutschland. Gesundheitsminister Rösler will solche Deals um jeden Preis verhindern.

Von Guido Bohsem

Kenneth Biros war ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder - und er war der erste zum Tode verurteilte Mensch, der in Ohio durch eine Giftspritze starb, die ausschließlich den Wirkstoff Thiopental enthielt. Das geschah am 8. Dezember 2009. Im US-Bundesstaat Ohio ist Thiopental seitdem das Hinrichtungsmittel der Wahl, und nicht nur dort. Seit September 2010 füllt auch der Bundesstaat Washington ausschließlich diesen Wirkstoff in seine Todesspritzen.

In 33 weiteren Bundesstaaten ist Thiopental zumindest einer von drei Bestandteilen des Gift-Cocktails. Etwa 100 Menschen richten die amerikanischen Behörden pro Jahr hin. Doch seit ein paar Monaten stockt die Tötungsmaschinerie. Denn den Amerikanern geht das Thiopental aus, weshalb sie weltweit nach Nachschub suchen - vermutlich auch in Deutschland.

Eine solche Lieferung aus Deutschland nach Übersee wäre zwar völlig legal, nach Meinung von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) allerdings auf keinen Fall mit deutschen und europäischen Werten und Grundsätzen vereinbar. In einem der Süddeutschen Zeitung vorliegenden Schreiben an die Herstellerfirmen und den Pharma-Großhandelsverband ruft Rösler deshalb dazu auf, die Anfrage aus den USA zu ignorieren. "Soweit Ihre Firma Thiopental-Natrium enthaltende Arzneimittel in Verkehr bringt, möchte ich Sie eindringlich bitten, solchen Lieferungsersuchen nicht zu entsprechen", heißt es in dem Schreiben.

Thiopental war einmal eines der gebräuchlichsten Narkosemittel. Es gehört zu den Barbituraten und wurde dazu eingesetzt, Patienten vor der Operation in den Schlaf sinken zu lassen. Weil sie dabei für kurze Zeit jeglichen Willen verlieren, wurde das Mittel zwischenzeitlich auch als Wahrheitsserum eingesetzt. Wer es verabreicht bekommt, hat kurz vor dem Einschlafen einen Knoblauchgeschmack im Mund und verliert rasch das Bewusstsein. Der Atem wird flacher. Wird Thiopental - wie in den Todesspritzen - sehr hoch dosiert, setzt die Atmung aus. Durch den Sauerstoffmangel im Blut kommt es zum Herzstillstand. Die Menschen ersticken also.

Tödliche Narkose

Obwohl es noch auf dem Markt ist, wird Thiopental in Deutschland praktisch nicht mehr für Narkosen verwendet. Viele Patienten reagierten darauf allergisch. Außerdem belastet der Wirkstoff die Leber. Einziger Hersteller in den USA ist das in Illinois ansässige Unternehmen Hospira. Der Pharmahersteller klagt seit längerem über Produktionsschwierigkeiten und hat sich außerdem unlängst gegen die Verwendung seines Produktes für die Todesspritze ausgesprochen.

Nach amerikanischem Recht ist es nicht erlaubt, den Gift-Cocktail einfach zu ändern. Dazu ist ein aufwendiges Zulassungsverfahren nötig. Und so werden immer mehr Hinrichtungen wegen der Thiopental-Knappheit verschoben. Nun versuchen die US-Behörden offenbar, dieses Problem im Ausland zu lösen.

Das Auswärtige Amt wurde wegen einer Anfrage in Großbritannien auf die Ankaufversuche der USA aufmerksam. Das Gesundheitsministerium befürchtet nun, dass auch deutsche Hersteller angefragt werden oder bereits angefragt worden sind. Um auf jeden Fall eine Thiopental-Lieferung aus Deutschland in die USA zu verhindern, suchten die Juristen der Bundesregierung zunächst nach Wegen, ein solches Geschäft zu verbieten. Ohne Erfolg. Als letztes Mittel setzt Rösler deshalb nun auf seinen persönlichen Appell.