Lebensmittelskandal in Europa Wenn Sitten verlottern

"Für einen Bissen Fleisch nehmen wir einem Tier die Sonne und das Licht und das bisschen Leben und Zeit, an dem sich zu erfreuen, seine Bestimmung gewesen wäre", schrieb vor 2000 Jahren der Philosoph Plutarch. So emphatisch und so intolerant gegenüber den Freuden eines guten Steaks will hier keiner daherreden. Menschen müssen sich ernähren, um zu sein. Ob sie das mit Wurst, Tütensuppe oder Keksen tun, ist ihre eigene Sache. Es schadet aber nicht, sich in eigener Sache ab und zu in Erinnerung zu rufen, dass nicht alles, was der Mensch essen kann, ihn auch gut ernährt. Und dass Ernährung mehr ist als Nahrungsaufnahme. Ernährung ist Ritual, Kultur, Sitte. Die Sitten verlottern.

Sie werden stets für einige Tage besser, wenn ein Skandal die Ruhe stört, eine Dioxinspur im Ei, eine wahnsinnige Kuh, ein Pferd in der Lasagne. Dann ist das Gruseln groß, der Aufschrei leidenschaftlich, Verbraucher ändern kurzfristig ihr Verhalten - und kehren, wenn die Berichterstattung nachlässt, meist doch wieder zu alten Mustern zurück. Die Nachfrage nach Bioprodukten steigt zwar, doch der Handel damit bleibt eine Nische: Nur etwa zwei Prozent aller in Deutschland verkauften Lebensmittel sind nach ökologischen Kriterien hergestellt.

Selbstverständlich: Auch jeder, der keine Öko-Produkte kauft, muss sich darauf verlassen können, dass ein Gericht mit Rind wirklich Rind enthält. Selbstverständlich ist auch, dass Lebensmittelskandale nicht unmittelbar vom Verbraucher verursacht werden. Vielmehr bekommt dieser oft genug zu spüren, wie ausgeliefert er der Industrie ist - etwa, wenn er versucht zu erfahren, über welche Wege seine Einkäufe in den Laden geraten sind.

Und doch ist es seltsam: Der Mensch kann die Landwirtschaft revolutionieren. Er kann seine Nahrung gentechnisch ändern und mit Antibiotika stopfen. Aber er kann nicht Handelswege von Fleisch nachvollziehbar machen? Die Klage darüber wirkt heuchlerisch ohne das Eingeständnis, dass der gesellschaftliche Druck dahinter hinreichend gering ist. Selbst ekelhafte Skandale wie der aktuelle erhöhen ihn nur kurz. Man darf annehmen: Würde langfristig in den Nachrichten über die Massentierhaltung berichtet, so würden die Deutschen nicht weniger Fleisch essen. Sondern weniger Nachrichten schauen - bis zum nächsten Lebensmittelskandal. Dass der früher oder später kommt, kann als sicher gelten. Weil wir essen, wie wir essen. Und kaufen, wie wir kaufen.