In Rom kocht der alte Kampf zwischen der Kirche und ihren Gegnern wieder hoch. Der Papst sagte eine Rede an der Universität "Sapienza" ab, nachdem Professoren und Studenten Proteste angekündigt hatten.
Der Papst ist ein brillanter Redner, doch nun folgt er dem Motto: Schweigen ist Gold. Den Donnerstag geplanten Vortrag an der größten Universität Europas, der Sapienza in Rom, platzen.
Bild vergrößern
Vor der römischen Universität "La Sapienza" demonstrieren Studenten seit tagen gegen den geplanten Auftritt des Papstes. (© Foto: AFP)
Anzeige
"Nach den bekannten Ereignissen dieser Tage" sei dies opportun, heißt es schmallippig aus dem Vatikan. Vorangegangen waren heftige Proteste von Hochschullehrern und Studenten, die forderten, Benedikt dürfe nicht an ihrer Uni sprechen. So rügten 67 Professoren in einem Brief an den Rektor, die Einladung des Papstes sei eine "unglaubliche Verletzung der traditionellen Unabhängigkeit der Universität".
Studenten-Gruppen riefen eine "antiklerikale Woche" aus und besetzten das Rektorat. Sie kündigten an, die Statue der Minerva, der Göttin der Weisheit, als schrillen Transvestiten zu verkleiden und die Uni-Kapelle mit Vin santo, einem Dessertwein, zu entweihen.
Der Vatikan gibt nach und schweigt
Andere Kritiker höhnten, wenn der Papst das akademische Jahr eröffne, könne auch ein Professor für Teilchenphysik im Petersdom die Weihnachtsmesse halten. So weit wird es nicht kommen. Benedikt gibt nach und schweigt.
Der Pontifex sei verbittert, sagte Renato Guarini, der Rektor, am Dienstag. Er habe Benedikt eingeladen, um über die Todesstrafe zu sprechen. Proteste habe er daher eher aus Amerika und China als aus seiner Universität erwartet.
Doch in Italien werden immer noch die alten Kämpfe zwischen Christen und Laizisten ausgetragen. Entsprechend heftig sind die Reaktionen. Radio Vatikan spricht von Zensur, der Corriere della Sera zieht Parallelen zu Zeiten, als Faschisten jüdische Professoren am Sprechen hinderten.
"Sapienza" oder "Ignoranza"?
Rechte Politiker spotten, die Sapienza - die 1303 von Papst Bonifaz VIII. gegründet wurde - solle sich fortan "Ignoranza" nennen. Auch viele Linke sind entrüstet. "Der Papst ist, jenseits des Glaubens der Einzelnen, eine große moralische Autorität", meint der Philosoph und Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari, ein Ex-Kommunist. Es sei besser, mit Benedikt zu diskutieren, als gegen ihn zu demonstrieren.
Die Gruppe der 67 verweist dagegen auf einen lange zurückliegenden Auftritt Joseph Ratzingers, bei dem dieser angeblich den Prozess gegen Galileo Galilei rechtfertigte. Dadurch seien sie als Wissenschaftler erniedrigt worden, kritisieren die Professoren. In Wirklichkeit geht es natürlich nicht um Galileo. Kirchenkritiker fühlen sich vielmehr im modernen Italien in der Defensive. Dieser Papst macht seine Ankündigung wahr, die christlichen Werte, in katholischer Interpretation, offensiv in die Gesellschaft zu tragen.
Vatikan auf dem Vormarsch
Ob es um den Kampf gegen die Todesstrafe, die Sexualmoral, Familienpolitik oder Bioethik geht - überall scheint der Vatikan auf dem Vormarsch zu sein. So erregte es vergangene Woche größtes Aufsehen, als Benedikt den römischen Bürgermeister Walter Veltroni öffentlich mahnte, den sozialen Verfall der Stadt zu stoppen.
Die Laizisten argwöhnen, hinter dem freundlichen Habitus dieses Papstes verberge sich ein Reaktionär. Der Pontifex wolle Kirche und Staat wieder in einen Kirchenstaat pressen und den Glauben über die wissenschaftliche Vernunft triumphieren lassen. Darüber lässt sich in einer freien Gesellschaft ebenso streiten wie über die Frage, wann die Kirche die Grenze zur unerlaubten Einmischung in Belange des Staates überschreitet. Die Vertreibung Benedikts aus der Universität aber ist kein Beitrag zum Meinungskampf, sondern eher ein Zeichen von Unsicherheit und Schwäche.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 16.01.2008/maru)
Kapitalabzug aus Südeuropa
Entschuldigen sie bitte meine Unwissenheit, aber welche Wissenschaft genau umfasst die Todesstrafe nochmal?
Nur, um Mißverständnisse auszuräumen: ich bin kein Ratzinger-Fan und bereits seit mehr als 10 Jahren aus der kath. Kirche ausgetreten - aber ein derartiges Verhalten wie das der italienischen Studenten und Professoren ist mMn einfach nur ein Armutszeugnis, welches u.U. sogar den Eindruck erweckt, die Herren Akademiker hätten bereits kapituliert, und die Rede aus Feigheit verhindert.
Dagegen lobe ich mir den Mut dieses New Yorker Dekans ( ? ), der einen Ahmadinedschad einläd, ihn reden lässt, und ihn dann anhand seiner eigenen Äußerungen deklassiert, doch sehr. DAS ist mMn wahre Größe - nicht das hysterische Boykottieren einer Rede, weil Ratzinger vor 10 Jahren Gallileo / die Wissenschaft mit der Atombombe in Zusammenhang gebracht hat...
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
...der gleiche Protest (Aufschrei), wenn ein sog. islamischer Gelehrter dort sprechen wollte?
Es ist schwer mit jemandem offen und tolerant zu diskutieren, der beinahe wöchentlich provoziert. Nach dem Erfolg des Memorandums gegen die Todesstrafe kam sofort das Thema der Abtreibung auf den Tisch, und wer hätte garantiert, dass ein Vortrag über die Todesstrafe nicht auch in diese Richtung gelenkt worden wäre? Was soll die - jede demokratische Legitimation entbehrende - "Abmahnung" von Veltroni? Es war eine freundliche Geste des Römischen Oberbürgermeisters, der Ladung zum Papst überhaupt zu folgen, und eigentlich war es feige, danach nicht die richtige Antwort zu geben, nämlich dass dieser sich um die eigenen Dinge kümmern sollte. In den italienischen Schulen gibt es immer noch meist nur einen, natürlich den katholischen, Religionsunterricht, dem man zwar fern bleiben kann, zu dem es aber nur eine alternative Beschäftigung gibt und keinen anderen Religionsunterrricht, weil z.B. die Protestanten diesen in einer säkularen Schule grundsätzlich ablehnen. Bei einer so alltäglichen, selbstverständlichen Präsenz der katholischen Kirche ist eine harte Reaktion verständlich, sie war nötig, auch wenn am Ende alle verloren haben, weil nackte Polemik an die Stelle einer argumentativen und weiterreichenden Auseinandersetzung getreten ist.
Herzlichen Glückwunsch auch von meiner Seite.
Die Vermischung von Religion und Wissenschaft mag zwar vom Vatikan erwünscht sein, muss aber unbedingt unterbleiben.
Die Weigerung hat überhaupt nichts mit Unsicherheit zu tun, sondern zeigt deutlich die Grenzen auf.
Paging