Von Stefan Ulrich

In Rom kocht der alte Kampf zwischen der Kirche und ihren Gegnern wieder hoch. Der Papst sagte eine Rede an der Universität "Sapienza" ab, nachdem Professoren und Studenten Proteste angekündigt hatten.

Der Papst ist ein brillanter Redner, doch nun folgt er dem Motto: Schweigen ist Gold. Den Donnerstag geplanten Vortrag an der größten Universität Europas, der Sapienza in Rom, platzen.

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Vor der römischen Universität "La Sapienza" demonstrieren Studenten seit tagen gegen den geplanten Auftritt des Papstes. (© Foto: AFP)

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"Nach den bekannten Ereignissen dieser Tage" sei dies opportun, heißt es schmallippig aus dem Vatikan. Vorangegangen waren heftige Proteste von Hochschullehrern und Studenten, die forderten, Benedikt dürfe nicht an ihrer Uni sprechen. So rügten 67 Professoren in einem Brief an den Rektor, die Einladung des Papstes sei eine "unglaubliche Verletzung der traditionellen Unabhängigkeit der Universität".

Studenten-Gruppen riefen eine "antiklerikale Woche" aus und besetzten das Rektorat. Sie kündigten an, die Statue der Minerva, der Göttin der Weisheit, als schrillen Transvestiten zu verkleiden und die Uni-Kapelle mit Vin santo, einem Dessertwein, zu entweihen.

Der Vatikan gibt nach und schweigt

Andere Kritiker höhnten, wenn der Papst das akademische Jahr eröffne, könne auch ein Professor für Teilchenphysik im Petersdom die Weihnachtsmesse halten. So weit wird es nicht kommen. Benedikt gibt nach und schweigt.

Der Pontifex sei verbittert, sagte Renato Guarini, der Rektor, am Dienstag. Er habe Benedikt eingeladen, um über die Todesstrafe zu sprechen. Proteste habe er daher eher aus Amerika und China als aus seiner Universität erwartet.

Doch in Italien werden immer noch die alten Kämpfe zwischen Christen und Laizisten ausgetragen. Entsprechend heftig sind die Reaktionen. Radio Vatikan spricht von Zensur, der Corriere della Sera zieht Parallelen zu Zeiten, als Faschisten jüdische Professoren am Sprechen hinderten.

"Sapienza" oder "Ignoranza"?

Rechte Politiker spotten, die Sapienza - die 1303 von Papst Bonifaz VIII. gegründet wurde - solle sich fortan "Ignoranza" nennen. Auch viele Linke sind entrüstet. "Der Papst ist, jenseits des Glaubens der Einzelnen, eine große moralische Autorität", meint der Philosoph und Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari, ein Ex-Kommunist. Es sei besser, mit Benedikt zu diskutieren, als gegen ihn zu demonstrieren.

Die Gruppe der 67 verweist dagegen auf einen lange zurückliegenden Auftritt Joseph Ratzingers, bei dem dieser angeblich den Prozess gegen Galileo Galilei rechtfertigte. Dadurch seien sie als Wissenschaftler erniedrigt worden, kritisieren die Professoren. In Wirklichkeit geht es natürlich nicht um Galileo. Kirchenkritiker fühlen sich vielmehr im modernen Italien in der Defensive. Dieser Papst macht seine Ankündigung wahr, die christlichen Werte, in katholischer Interpretation, offensiv in die Gesellschaft zu tragen.

Vatikan auf dem Vormarsch

Ob es um den Kampf gegen die Todesstrafe, die Sexualmoral, Familienpolitik oder Bioethik geht - überall scheint der Vatikan auf dem Vormarsch zu sein. So erregte es vergangene Woche größtes Aufsehen, als Benedikt den römischen Bürgermeister Walter Veltroni öffentlich mahnte, den sozialen Verfall der Stadt zu stoppen.

Die Laizisten argwöhnen, hinter dem freundlichen Habitus dieses Papstes verberge sich ein Reaktionär. Der Pontifex wolle Kirche und Staat wieder in einen Kirchenstaat pressen und den Glauben über die wissenschaftliche Vernunft triumphieren lassen. Darüber lässt sich in einer freien Gesellschaft ebenso streiten wie über die Frage, wann die Kirche die Grenze zur unerlaubten Einmischung in Belange des Staates überschreitet. Die Vertreibung Benedikts aus der Universität aber ist kein Beitrag zum Meinungskampf, sondern eher ein Zeichen von Unsicherheit und Schwäche.

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(SZ vom 16.01.2008/maru)